Brauchen wir „Kultur“ zur Erklärung der Integration von Migranten?

Im Rahmen meiner Dissertation beschäftige ich mich mit der standardisierten Messung der Integration von Migranten. Vor diesem Hintergrund unterstelle ich eine objektive Realität, die man als solche auch objektiv messen kann. Demnach versuche ich, mich meinem Untersuchungsgegenstand möglichst unabhängig von meiner eigenen Meinung zu nähern. Dabei ist mir durchaus bewusst: So einfach ist die Welt zumeist nicht und ja, auch statistische Analysen garantieren keine objektiven Erkenntnisse. Dennoch: Wollen wir zuverlässige und generalisierbare Aussagen über Gruppen von Menschen treffen, sind wir auf statistische Auswertungen angewiesen. Zudem sollte man sich zumindest einigen können, worüber man redet, wenn man sinnvoll über ein Thema diskutieren möchte. Wenn jeder unter einem Begriff etwas Anderes versteht, wird eine Diskussion nie zu einem konstruktiven Ende gelangen.

Kommen wir also zu meinem Beispiel: Kultur.

Der Begriff ist in der deutschen Debatte um die Integration von Migranten allgegenwärtig. Kostprobe gefällig?

„Die Hoffnung, dass die an Bildung, Auftreten auf dem Arbeitsmarkt und Sprache gemessene Integration der muslimischen Migranten mit den Jahren Fortschritte macht, hat sich kaum erfüllt. Integrationsgrad und -bereitschaft scheinen im Gegenteil vielfach eher zu sinken. Ursachen dafür sind die unzureichenden Erfolge der Muslime im Bildungs- und Beschäftigungssystem, der ganz erhebliche Familiennachzug von Heiratspartnern aus den Heimatländern, aber auch eine starke Fixierung auf die heimatliche Kultur“ (Sarrazin 2010: 126, Hervorhebung S.R.).

Nun werden einige Leser (berechtigterweise) anmerken, dass die Sarrazin-Debatte ein alter Hut ist und sich die meisten Einwohner Deutschlands inzwischen einig sind, dass wir faktisch in einem Einwanderungsland leben. 2014 wurden in keinem Land der Erde mehr Asylanträge gestellt und etwa jeder fünfte Einwohner Deutschlands hat einen Migrationshintergrund. Diese Fakten können ja nicht wegdiskutiert werden. Allerdings wird auch in der heutigen Integrationsdebatte noch gerne der Begriff der Leitkultur verwendet. Dabei bleibt jedoch zumeist unklar, welchen intersubjektiven Gehalt (der also über die subjektive Wahrnehmung eines Einzelnen hinausgeht) dieser Begriff hat. Ich käme nach einem Brainstorming zu folgender Liste von Dingen, die ich mit Kultur verbinde: Sprache, Religion, Ernährungsweise, Medienkonsum, Theater- oder Opernbesuche, etc. Die Liste beansprucht keine Vollständigkeit und ich lade jeden Leser ein, sie zu ergänzen oder einzuschränken.

Wir sehen: Ich habe keine genaue Vorstellung, was genau eine deutsche Leitkultur bezeichnen soll. Wie also wird diese im Allgemeinen definiert?

„Integration heißt nicht nebeneinander, sondern miteinander leben auf dem gemeinsamen Fundament der Werteordnung unseres Grundgesetzes und unserer deutschen Leitkultur, die von den christlich-jüdischen Wurzeln und von Christentum, Humanismus und Aufklärung geprägt ist“: http://www.focus.de/magazin/archiv/morgenland-abendland-seehofers-7-punkte-plan-zur-integration_aid_563048.html

In diesem Fall geht es also um Religion und Denktraditionen. Bleiben wir für den Rest dieses Textes einmal bei der Religion, weil diese auch schon früher eine zentrale Rolle in der Debatte um die Integration von Migranten eingenommen hat. Im Allgemeinen wurde und wird angenommen, dass Muslime aufgrund ihrer kulturellen Unterschiede zu Deutschland schlechter integriert seien als andere Migrantengruppen. Der Vorteil dieses Erklärungsansatzes ist, dass man nicht weiter über kausale Ursachen einer schlechteren Integration nachdenken muss. Die Ursache liegt in der Kultur der Migranten begründet – Beweisführung abgeschlossen.

Nun ist hinreichend bekannt, dass ehemalige Gastarbeiter in den 50er und 60er Jahren mit niedrigen Bildungsabschlüssen angeworben wurden. Dennoch, so der gerne verbreitete Mythos, seien türkische Migranten, als Muslime, heute schlecht und andere Immigrantengruppen (z.B. Italiener, Griechen, etc.) hingegen gut integriert. Aus dieser vermeintlichen Tatsache wird gerne ein kulturelles Argument gestrickt.

Aber ist die Behauptung einer schlechteren Integration türkischer Immigranten überhaupt zutreffend? Und gibt es keine besseren Erklärungen als „kulturelle“ Unterschiede?

Doch, die gibt es! Ich möchte mich an dieser Stelle nicht zu sehr in Details verrennen, aber dennoch zwei erhellende Studien zitieren. Bereits im Jahr 1989 (!) hat sich einer der renommiertesten Migrationsforscher Deutschlands mit kulturellen Differenzen zwischen türkischen und jugoslawischen Immigranten beschäftigt. Seine Untersuchung kam zu dem Schluss, dass „kulturelle“ Gruppendifferenzen weder für deutsche Sprachfertigkeiten, noch für Freundschaften zu Deutschen ohne Migrationshintergrund bestehen (Esser 1989: 442). Eine neuere Studie hat die Frage nach Gruppenunterschieden im Arbeitsmarkterfolg unter methodisch sehr strikten Bedingungen untersucht. Insbesondere ging es hierbei um die spezifischen Arbeitsmarktnachteile von Jugendlichen türkischer Herkunft. Die Ergebnisse zeigen vereinfachend zusammengefasst, dass türkische Migranten – im Vergleich zu anderen Gastarbeitergruppen (Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und (Ex-)Jugoslawien) – schlechter auf dem Arbeitsmarkt integriert sind, weil sie schlechter deutsch sprechen und weniger deutsche Freunde haben (Kalter 2006). Die Sprachkenntnisse und Freundschaftsnetzwerke sind aber, wie die vorangegangene Studie zeigen konnte, eben nicht auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen. Hier sind vielmehr die Bildung der Eltern und das Einreisealter von entscheidender Bedeutung (Esser 1989: 436). Entsprechend könnte man sich zu der Schlussfolgerung hinreißen lassen, dass es keine kulturellen Unterschiede in der Integration von Migranten gibt.

Die real existierenden Unterschiede bei der Integration lassen sich also mit konkreten Phänomenen erklären, die sich auch entsprechend konkret benennen und messen lassen: Sprachkenntnisse, Freundschaftsnetzwerke, Bildung der Eltern, etc. Ob und wie diesen Phänomenen „kulturelle“ Erklärungen zu Grund liegen, beschäftigt auch heute noch seriöse Wissenschaftler. So verbleiben z.B. bei der Freundschaftswahl geringe Gruppenunterschiede zwischen türkischen und anderen Migranten. Türkische Migranten haben verstärkt eigenethnische Freundschaftsnetzwerke. Anstatt diese jedoch auf eine bewusste Meidung „deutscher“ Freunde zurückzuführen, erscheinen auch hier andere Mechanismen denkbar und plausibel: Türkische Migranten stellen schließlich mit 2,79 Millionen Migranten eine deutlich größere Gruppe als alle anderen ehemaligen Gastarbeitergruppen, z.B. Migranten aus Griechenland: 381.000, Italien: 783.000 oder (Ex-)Jugoslawien: 1,49 Millionen (Statistisches Bundesamt 2014: 82). Dementsprechend kommen sie schlicht wesentlich leichter in direkten Kontakt mit Personen derselben Herkunft als andere Migranten.

Mit den vorgestellten Ergebnissen möchte ich die Diskussion über die Integration von Migranten oder über „kulturelle“ Unterschiede nicht im Keim ersticken (wie es gerne unterstellt wird), sondern diese lediglich auf eine fundierte Basis stellen. Die wissenschaftliche Diskussion über Gruppenunterschiede bei der Integration wird bereits seit Jahrzehnten geführt und keineswegs – wie gerne öffentlichkeitswirksam behauptet wird – ausgespart. Die „Kultur“ der Migranten hilft bei der Erklärung jedoch nicht weiter und maskiert lediglich konkrete Probleme mit unkonkreten Begriffen. Vor allem werden hierdurch die politischen Fehlentscheidungen der Vergangenheit unterschlagen. Diese Strategie scheint dabei allerdings durchaus Methode zu haben, denn schließlich ließen sich konkrete Probleme (auch heute noch) konkret lösen. Hierfür müssten jedoch unpopuläre Entscheidungen getroffen und Maßnahmen ergriffen werden. Diese Perspektive scheint dabei nicht allen politischen Entscheidungsträgern zu gefallen.

Literatur

Esser, Hartmut 1989. Die Eingliederung der zweiten Generation: Zur Erklärung „kultureller“ Differenzen. Zeitschrift für Soziologie 18(6), 426–443.

Kalter, Frank 2006. Auf der Suche nach einer Erklärung für die spezifischen Arbeitsmarktnachteile von Jugendlichen türkischer Herkunft. Zeitschrift für Soziologie 35(2), 144–160.

Sarrazin, Thilo 2010. Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. München: DVA.

Statistisches Bundesamt Deutschland 2014. Bevölkerung und Erwerbstätigkeit: Bevölkerung mit Migrationshintergrund – Ergebnisse des Mikrozensus 2013 –. Wiesbaden.

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