Was ist eigentlich „Gentrification“?

In diesem Beitrag möchte ich mich einem meiner zentralen Forschungsthemen widmen: Gentrification. In wissenschaftlichen wie auch in politischen oder alltäglichen Diskussionen fällt mir immer wieder auf, dass die Teilnehmer kein gemeinsames Verständnis um die Bedeutung des Begriffs zu haben scheinen. Mietsteigerungen, (internationale) Investoren, Verdrängung von Alteingesessenen oder auch eine teils rasante Veränderung des Images werden als Anzeichen für eine stattfindende Gentrification angeführt. Einen klaren Konsens scheint es nicht zu geben. Im Vergleich zu anderen Diskursen erscheinen diese dadurch um einiges diffuser.

Im Folgenden führe ich einige Ursachen an, die meiner Meinung nach zu diesem Umstand beitragen:

  1. In der internationalen Stadtforschung, aus der der Begriff stammt, gibt es keine einheitliche Definition
  2. Die deutsche Stadtforschung hat diese Definitionsvielfalt weitestgehend übernommen
  3. Der Kern des Phänomens, nämlich der Austausch der Bewohner eines Gebiets, wird im Zuge der Entwicklung des Forschungsstrangs kontinuierlich mit weiteren gebietsbezogenen Veränderungen (z. B. der Gewerbestruktur) in Verbindung gebracht. Die zeitgleiche und räumliche Überlagerung verschiedenster Veränderungsprozesse, die ein Wohngebiet durchlaufen kann, führen so zu einer Unschärfe im Verständnis des Begriffs.
  4. Mit zunehmender öffentlicher und stadtpolitischer Relevanz sind weitere Akteure aufgetreten, die den Begriff verwenden und somit seine Definition prägen. Hierzu zählen z. B. Redakteure oder Politiker, die jeweils ihr ganz eigenes Verständnis mit einbringen.
  5. Inzwischen erreicht der Begriff schon Züge eines „Modeworts“, dass vor allem in Zeitungen und Blogs vielfältig verwendet wird. So existiert beispielsweise eine Metal Band mit dem Namen „Gentrification“ oder in der TAZ wird unter dem Titel „Gentrifizierung aus der Luft“ über die urbane Fauna berichtet (http://www.taz.de/!158378/).

Da die Medien und Politiker den Begriff zwar verwenden, jedoch nur äußerst selten definieren, sind eindeutige und explizite Definitionen nur der Wissenschaft zu entnehmen. Exemplarisch sind die beiden Folgenden:

„Gentrification ist der Austausch einer statusniedrigeren Bevölkerung durch eine statushöhere in einem Wohngebiet“ (Friedrichs 1996)

und

„[…] simultaneously a physical, economic, social and cultural phenomenon. Gentrification commonly involves the invasion of middle-class or higher-income groups of previously working-class neighborhoods or multi-occupied ‚twilight-areas‘ and the replacement or displacement of many of the original occupants. It involves the physical renovation or rehabilitation of what was frequently a highly deteriorated housing stock and its upgrading to meet the requirements of its new owners. In the process, housing in the areas affected, both renovated and unrenovated, undergoes a significant price appreciation. Such a process of neighborhood transition involves a degree of tenure transformation from renting to owning“ (Hamnett 1984)

Beide verdeutlichen die Bandbreite möglicher Aspekte, die in einer Definition von Gentrification angesprochen werden. In der Wissenschaft wird erstere als eine singuläre Definition bezeichnet, da sie lediglich einen Aspekt umfasst: den Austausch von Bewohnern. Letztere stellt eine holistische Definition dar. Sie umfasst neben dem Austausch der Bewohnerschaft auch bauliche Aufwertung, Mietsteigerungen und Veränderungen von Eigentumsverhältnissen. Unter kultureller Veränderung kann der Wandel der Gewerbestruktur und des Images verstanden werden. Komplexer wird dieses Gefüge noch dadurch, dass viele Forscher z. B. singuläre Definitionen wählen, aber mehr als nur die in der Definition erwähnte Dimensionen des Wandels untersuchen.

Es können vier Dimensionen der Aufwertung identifiziert werden:

  • Soziale Aufwertung: Diese umfasst die Veränderung von Eigenschaften der Bewohner eines Gebietes. Gemessen wird diese i. d. R. anhand von Bildungsgrad, Einkommen, Alter, Haushaltsformen, Migrationshintergrund, SGBII-Quote, etc.
  • Bauliche Aufwertung: Diese Dimension umfasst sowohl die baulich-physische Erscheinung als auch die immobilienökonomische Wertentwicklung eines Gebiets. Hierzu zählen Sanierungsgrad der Gebäude, Ausstattungsgrad und Größe der Wohnungen, Entwicklung der Mieten und Eigentumspreise, Entstehung von Neubauten oder auch Maßnahmen zur Wohnumfeldverschönerung.
  • Gewerbliche Aufwertung: Gemeint ist die Veränderung der Geschäftsinfrastruktur innerhalb eines Gebiets. In vielen Arbeiten wird davon berichtet, dass typische „Eckkneipen“ und Tante Emma-Läden schließen und neue Geschäfte eröffnen, die ein jüngeres und z. T. auch besser verdienendes Publikum ansprechen.
  • Symbolische Aufwertung: Diese beschreibt die Veränderung des Images des Gebiets, wie es in den Medien beschrieben wird. Eine Einflussnahme kann darüber hinaus auch durch Politiker, Bewohner (der Stadt oder des Gebiets) oder die Immobilienbranche erfolgen. Quasi jede Person, die über das Gebiet kommuniziert, trägt mit der Art, wie sie das tut, dazu bei das Image weiterzuentwickeln und zu verändern.

Die Aufzählung der unter den Dimensionen genannten Indikatoren erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Zu berücksichtigen ist außerdem, dass eine Gentrification nicht nur anhand eines einzelnen Indikators festgestellt werden kann, sondern immer über mehrere Indikatoren gemessen werden sollte.

Zweifelsohne handelt es sich bei dem Begriff Gentrification um ein mehrdimensionales Konzept. Das zeigen sowohl Definitionen wie auch inhaltliche Betrachtungen einer Vielzahl von Forschungsarbeiten. Neben dem sozialen und baulichen Wandel eines Gebiets wird vor allem seit 2006/07 zunehmend auch der funktionale und symbolische Wandel explizit und systematisch untersucht.

Daher plädiere ich für ein mehrdimensionales Verständnis von Gentrification, in dessen Kern die soziale Aufwertung (also der Austausch einer statusniedrigeren durch eine statushöhere Bevölkerung) steht. Die soziale Aufwertung ist folglich ein notwendiges Merkmal einer Gentrification. Diese kann ergänzt werden durch eine Analyse der baulichen Aufwertung, der gewerblichen Veränderungen des Gebiets und der Entwicklung des Images. Bisher ungeklärt sind die kausalen Beziehungen zwischen diesen Dimensionen. Verschiedenste Beispiele weisen in ebenso viele verschiedene Richtungen. Sind die Sanierungstätigkeiten der 80er und 90er Jahre die Vorreiter der heutigen sozialen Aufwertung? Kann es in einem Gebiet zu einer gewerblichen Aufwertung kommen, ohne das sich zunächst nennenswerte Veränderungen in der Sozialstruktur der Bewohner abzeichnen? Kann allein ein verbessertes Image dazu beitragen, dass Viertel für Zuzügler attraktiver werden und somit eine soziale Aufwertung eingeleitet wird?

Zukünftige Forschung in diesem Bereich sollte auch zum Ziel haben, diese Mechanismen der Aufwertung zu identifizieren.


Literatur

Friedrichs, Jürgen. 1996. Gentrification. Forschungsstand und Methodologische Probleme. In: Jürgen Friedrichs und Robert Kecskes (Hg.): Gentrification. Theorie und Forschungsergebnisse. Opladen: Leske + Budrich, S. 13–40.

Hamnett, Chris. 1984. Gentrification and Residential Location Theory. A Review and Assessment. In Geography and the urban environment, 6. Aufl, Hrsg. Ronald J. Johnston und David T. Herbert. London: J. Wiley and Sons, S. 283-319.

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