Sozialer Wandel westdeutscher Großsiedlungen

Plattenbaugebiete verbindet man eher mit Ostdeutschland oder Osteuropa. Doch in den 1960er und 1970er Jahren wurden auch in den alten Ländern Großsiedlungen gebaut, denn damals herrschte Wohnungsnot. Die Bevölkerung, die zu Beginn in den Siedlungen wohnte, gehörte überwiegend der Mittelschicht an. Heute leben in zahlreichen Großsiedlungen Westdeutschlands eher armutsgefährdete Bevölkerungsgruppen, die Mittelschicht ist weggezogen. Beispiele solcher Entwicklungen sind München-Neuperlach oder Hamburg-Steilshoop. Wie der soziale Wandel verlief, möchte ich im Rahmen dieses Beitrags kurz skizzieren. Wenn ich über Großsiedlungen schreibe, dann verstehe ich darunter: „…solche Wohngebiete, die in den 60er und 70er Jahren als separate oder zumindest funktional eigenständige Siedlungseinheiten geplant und realisiert wurden. Nicht nur sämtliche Wohnungen, sondern auch die Infrastruktur, Grün- und Freizeitflächen sowie Verkehrserschließung waren Gegenstand der Planung und Realisierung. Das Erscheinungsbild ist durch eine dichte und hochgeschossige Bebauung geprägt. Der überwiegende Anteil des Wohnungsangebotes besteht aus Mietwohnungen, von denen ein hoher Anteil öffentlich gefördert ist. Die Siedlung sollte mindestens einen Bestand von 500 Wohneinheiten umfassen.“ (Gibbins 1988: 9) Zur Beschreibung des sozialen Wandels, verstanden als „Veränderung sozialer Strukturen über die Zeit“ (Lehner 2001: 342) der Siedlungen liegen uns zahlreiche Studien vor, insbesondere aus den Anfangsjahren der Siedlungskarriere. Auf der Grundlage der Studien über Großsiedlungen lassen sich fünf sinnvoll voneinander abgrenzbare Phasen des sozialen Wandels westdeutscher Großsiedlungen unterscheiden.

Phase 1: Großsiedlungen als Wohnstandort der modernen Kleinfamilie Zu Beginn lebten in den Siedlungen vorwiegend mittelschichtangehörige Familien mit Kindern, da sie von der Belegungspraxis der Vermieteter besonders bevorzugt wurden (Zapf et al. 1969: 224). Möglich war dies, da Großsiedlungen häufig mit Geldern für den sozialen Wohnungsbau errichtet wurden, was auch heute noch zu spüren ist. Dadurch wurden die Siedlungen für „die breiten Schichten des Volkes“ (d.h. Mittelschicht), wie es damals hieß, zugänglich und die öffentliche Hand hatte ein Mitspracherecht wer dort einzog. Die vielen Kinder stellten die Stadtverwaltungen und Lokalpolitiker aber vor immense Herausforderungen, wie z.B. die Einrichtung zusätzlicher Betreuungsplätze. Diese Phase, die bis Mitte der 1970er Jahre reicht, ist insgesamt geprägt vom Aufbau der Siedlungen.

Phase 2: Großsiedlungen als Kompensationsorte für Bewohner von Behelfssiedlungen Bis in die späten 1970er Jahre gab es, als Folge der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, noch Siedlungen mit provisorischen Wohnungen, die im Volksmund auch Obdachlosensiedlungen genannt wurden. Mit dem sich entspannenden Wohnungsmarkt wurden diese Siedlungen aufgelöst und den Bewohnern dort eine Wohnung angeboten, wo die Kommune Belegungsrechte hatte: oft in den neuen Großsiedlungen. Dabei handelte es sich zum Teil um Familien mit hohen sozialen Belastungen, die von der bisherigen Bevölkerung als problematisch wahrgenommen wurde. Es folgten selektive Auszüge der Mittelschicht, auch weil die Mieten in der damaligen Zeit in den Sozialwohnungen immer teurer wurden und Alternativen wie das Eigenheim in der grünen Vorstadt erschwinglich wurden. Zudem wurde die öffentliche Kritik an den Siedlungen im deutlicher, sodass sich auch ein Imagewandel der Siedlungen einstellte: von modern und neu zu seelenlos und städtebaulichem Fehltritt. (Friedrichs/ Dangschat 1986: 9; Mitscherlich 1972). Die Phase der ersten Umschichtung endete zu Beginn der 1980er Jahre.

Phase 3: Großsiedlungen als gemiedene Gebiete Wegen des anhaltend schlechten Images und vorhandener Alternativen auf dem Wohnungsmarkt zogen immer weniger Menschen in die frei werdenden Wohnungen in den Großsiedlungen, sodass es immer öfter zu Leerständen kam (Friedrichs/ Dangschat 1986: 3; Huf 1991: 12; Kreibich 1985: 183). In dieser Übergangsphase, die bis ende der 1980er Jahre reichte (Friedrichs 1995: 124), wurde offen über Abriss der Siedlungen diskutiert und erste Städtebauförderprogramme wie „Nachbesserungen von Großsiedlungen“ realisiert. Diejenigen, die in den Siedlungen wohnen blieben, waren oftmals armutsbelastete Haushalte oder die wenigen noch verbliebenen Angehörigen der Mittelschicht. Phase

4: Großsiedlungen als Migrationszielgebiete Ende der 1980er Jahre bzw. Anfang der 1990er Jahre war die Leerstandsproblematik in den Großsiedlungen überwunden und das weniger wegen des Erfolgs von Städtebauförderpolitik, sondern wegen des Zuzugs von aus der ehemaligen DDR und Osteuropa. Mit dem Zerfall der UDSSR und dem historischen Glückfall der Wiedervereinigung zogen immer mehr Menschen in die westdeutschen Städte zu und die Kommunen waren aufgerufen, die Neuzuwanderer unterzubringen (Kamper 2013: 21; Strubelt/Veith 1997: 109ff.). Da die Kommunen  nach wie vor Belegungsrechte in den Großsiedlungen hatten, wurde insbesondere Aussiedler in den Sozialwohnungen in den Großsiedlungen untergebracht. Noch heute ist Russisch ein viel gesprochene Sprache in einigen Großsiedlungen wie z.B. in Köln-Chorweiler. Mit dem Zuzug ging jedoch auch der Druck zurück, die Siedlungen grundlegend zu sanieren und dauerhafte Veränderungen der lokalen Bevölkerungsstruktur zu erreichen. Gegen Mitte der 1990er Jahre endete diese Phase.

Phase 5: Großsiedlungen Wohnorte der Marginalisierten Heute gehören sind Großsiedlungen oft die „Armenhäuser der Städte“. Dort leben im Schwerpunkt diejenigen, die auf dem Wohnungsmarkt sonst keine Chance haben, aber auch die mittlerweile erwachsenen Kinder von Zugezogenen die dort ihre Heimat haben. In den letzten 20 Jahren hat sich die Zuwanderung nach Deutschland zudem weiter verändert. Statt einiger weniger großer Gruppen, wie Gastarbeiter oder Aussiedler, ziehen heute Menschen aus der ganzen Welt nach Deutschland. Das findet sich auch in den Großsiedlungen wieder. Problematisch ist die verfestigte soziale Segregation der Siedlungen. So lag 2013 die SGB II Quote (Hartz IV) in Köln-Hahnwald bei 0,8 hingegen in der Großsiedlung Köln-Chorweiler bei 40,8. Die verfestigte soziale Segregation in den Siedlungen bildet das Vorläufe Ende des sozialen Wandels westdeutscher Großsiedlungen. In einigen Kommunen wird mittlerweile wieder über Abriss gesprochen, in anderen werden neue Sanierungskonzepte diskutiert. Die Zeit wird zeigen, welchen Weg Großsiedlungen weiter gehen.

Literatur

Friedrichs, J. 1995. Stadtsoziologie. Opladen: Leske und Budrich.

Friedrichs, J, Dangschat J. 1986. Gutachten zur Nachbesserung des Stadtteils Mümmelsmannberg. Hamburg: Universität Hamburg, Forschungsstelle vergleichende Stadtforschung.

Gibbins, O. 1988. Großsiedlungen. Bestandspflege und Weiterentwicklung. München: Callwey.

Huf, B., 1991. Brückenhof. Zusammenleben in einer Großsiedlung am Stadtrand, Kassel: Gesamthochschule Kassel. Arbeitsbericht des Fachbereichs Stadt-und Landschaftsplanung.

Kamper, P. 2013: Die Neue Vahr und die Konjunkturen der Großsiedlungskritik 1957-2005. Informationen zur modernen Stadtgeschichte 1: 13–24.

Kreibich, V. 1985. Wohnversorgung und Wohnstandortverhalten. In Die Städte in den 80er Jahren, Jürgen Friedrichs (Hg.). Opladen: Westdeutscher Verlag, 181–195.

Lehner, F. 2011. Sozialwissenschaft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Mitscherlich, A., 1974. Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Strubelt, W. Veith, K. 1997: Zuwanderung und Integration. Deutschland in den 80 und 90er Jahren. In J. Friedrichs (Hg.)Die Städte in den 90er Jahren. Demographische, ökonomische und soziale Entwicklungen, Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 109–135.

Zapf, K., Heil, K., Rudolph, J. 1969: Stadt am Stadtrand. Eine vergleichende Untersuchung in vier Münchener Neubausiedlungen. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt.

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