Analyse von Zeitungsartikeln als sozialwissenschaftliche Methode

Eine bislang wenig genutzte Quelle zur Analyse sozialwissenschaftlicher Fragestellungen sind Zeitungsartikel. Zeitungen haben mehrere Vorteile zugleich: sie erscheinen zumeist bereits über viele Jahre, sodass eine Auswertung über die Zeit (Längsschnittuntersuchung) möglich ist. Zudem sind Zeitungen oftmals in den großen Stadt-, Landes- oder Universitätsbibliotheken archiviert oder sogar online zugänglich. Im Rahmen dieses Beitrags möchte ich diskutieren, wie Zeitungsartikel für die Stadt- und Migrationsforschung genutzt werden können.

Jeder Analyse liegt die Überlegung zugrunde was eigentlich genau untersucht werden soll. So können mit Zeitungsartikeln z.B. Diskurse (wie wird von wem über den Interessensgegenstand gesprochen) zur aktuellen Asylpolitik untersucht werden. Je genauer die Fragestellung formuliert ist, desto besser. Es werden also Diskurse analysiert, wobei der Fokus z.B. auf Akteure wie Politiker oder auf den Gegenstand z.B. ein Wohngebiet selber liegt. Weiterhin muss immer in Betracht gezogen werden, dass es für die Fragestellung vielleicht auch bessere Datenquellen gibt. Wer politische Einstellungen untersuchen will, dem stehen unterschiedliche Umfragen, zum Beispiel im Datenarchiv der GESIS, zur Verfügung. Zeitungsartikel bieten sich hier nur an, um das Wechselspiel von Einstellungen der Zeitungsredakteure mit denen der Bevölkerung zu vergleichen.

In der Stadtforschung stehen wir aber oft vor der Herausforderung, dass es für den Stadtteil der untersucht werden soll keine geeigneten Daten gibt, um den sozialen Wandel zu rekonstruieren. Wenn erst relativ spät im Prozess auffällt, dass in einem Wohngebiet Gentrification stattfindet, dann muss der Wandel möglichst gut nachvollzogen werden. Ein anderes Beispiel wäre die Untersuchung ob der typische soziale Wandel westdeutscher Großsiedlungen sich auch an einem Beispiel nachweisen ließe.

Vor jeder Untersuchung muss aber zuerst die Grundgesamtheit definiert werden, also alle Artikel, die theoretisch in Betracht kommen würden. Das können zum Beispiel alle Artikel im Lokalteil einer Tageszeitung zu einem Stadtteil sein. Wie groß die Grundgesamtheit genau ist, lässt sich im Vorhinein aber oftmals nicht genau sagen. Zudem muss festgelegt werden, wie Artikel ausgewählt werden. In meiner Dissertation zu Köln-Chorweiler zum Beispiel habe ich mich dafür entschieden einen Artikel auszuwählen, wenn er das Wort Chorweiler enthält und sich zudem auf die Großsiedlung Chorweiler-Mitte bezieht. Bei der Zusammenstellung des Datensatzes bieten sich, neben aufwendigen eigenen Recherchen, auch die Auswertungen von Stadtteilarchiven an, die es immer häufiger gibt. Ob die Qualität solcher Archive ausreichend ist, muss immer einzeln geprüft werden.

Wenn nun alle Artikel die untersucht werden sollen vorliegen sollte das Material noch chronologisch geordnet werden, um die Veränderung in der Häufigkeit der Ausprägung der zu untersuchenden Kategorien zu erkennen. Bevor es nun mit der Analyse losgeht, muss zudem noch genau festgelegt werden, was die Erhebungseinheit ist. Hier gehe ich vom gesamten Artikel als Erhebungseinheit aus, doch es könnten auch Absätze oder Sätze sein. Als nächstes muss festgelegt werden, wie die Auswertung genau ablaufen soll. Hier gibt es unterschiedliche Ansichten und Herangehensweisen. Sollten große Mengen an Artikeln ausgewertet werden, empfiehlt sich eine kategoriengestützte offene Herangehensweise. Dabei wird die Auswertungslogik die Gläser und Laudel (2010) für Experteninterviews vorschlagen auf Dokumente übertragen. Der Gedanke ist, dass bereits vor dem Beginn der Auswertung Kategorien wie z.B. „Aussagen über Armut in der Siedlung“ festlegt werden. Wenn beim Lesen aber klar wird, dass weitere Kategorien, wie z.B. „Zuwanderung in die Siedlung“, notwendig werden, können diese ebenso dazukommen. Dann müssen allerdings alle vorherigen Artikel noch mal gelesen werden, um zu sehen, ob die neu hinzugefügte Kategorie auch in den „alten“ Artikel vorkommt.

Zur technischen Umsetzung bietet es sich an, einen Excel-Datensatz aufzubauen. Dabei ist jede Zeile ein Fall und in den Spalten wird mit 0 (Nein) und mit 1 (Ja) das Vorkommen der jeweiligen Kategorie im Artikel codiert. Der Datensatz kann anschließend in Programme wie SPSS oder STATA eingelesen werden, um Merkmalszusammenhänge noch besser zu untersuchen. Zudem können Häufigkeiten pro Jahr zusammengezählt werden und so die Jahre „hintereinander gesetzt“ werden. Folgende Abbildung zeigt, wie ein solcher Datensatz aussehen kann.

Zeitungsartikel Foto

Neben inhaltlichen Kategorien können normative ebenso berücksichtigt werden. In ihrer Studie zum Image zweier Stadtteile Glasgows unterscheiden Kearns et al. (2013) zwischen positiven, negativen, neutralen und gemischten Artikeln. Nauta et al. (2000) unterscheiden zudem zwischen sehr positiven, positiven, neutralen, negativen und sehr negativen Artikeln. Die Einordnung bzw. Abgrenzung zwischen den verschiedenen Bewertungskategorien ist kritikanfällig. Von daher empfiehlt es sich, dass mindesten zwei Wissenschaftler getrennt voneinander die Artikel bewerten und die Ergebnisse pro Artikel vergleichen.

Die Methode der Zeitungsanalyse zur Rekonstruktion des sozialen Wandels hat allerdings auch Einschränkungen. Zum einen kann nur der mediale Diskurs beschrieben werden. Wie es in der Realität verlaufen ist, kann sich also von der Medienberichterstattung unterscheiden. Zudem werden Berichtsanlässe, wie Feste oder außergewöhnliche Ereignisse, überschätzt und Alltagsroutinen so außen vor gelassen. Ob sich die Methode der Zeitungsanalyse anbietet, muss daher immer im Einzelfall geprüft werden.

Literatur

Gläser, J., Laudel, G., 2010: Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Kearns, A, Kearns O., Lawson, L. 2013: Notorious Places: Image, Repurtation, Stigma. The Role of Newspapers in Area Repurtation for Social Housing Estates. Housing Studies 28: 579–898.

Nauta, O., Hette T., Van Soomeren, P. 2000: De Bijlmer Monitor 2000. Amsterdam: Van Dijk, Van Soomeren en partners.

Siehe auch:

Klein, H. 2014: Zeitungsartikel. In N. Baur, J. Blasius (Hg.). Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung. Wiesbaden: Springer VS, S. 841–846.

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