Tagungsbericht: Urban Quality of Life at Risk

Am 12. Juni fand die German British Conference mit dem Titel „Urban Quality of Life at Risk“ in Frankfurt am Main an der University of Applied Science statt. In Vorträgen von Becky Tunstall (University of York), Matthias Bernt (IRS Erkner), Rowland Atkinson (University of Sheffield), Karen Lucas (University of Leeds), Maik Hömke (Lucerne University of Applied Science), Marcus Menzl (Hafen City Hamburg GmbH), Maren Harnack (University of Applied Science Frankfurt) und Annette Spellerberg (TU Kaiserslautern) drehte sich alles um die Themen Wohnen, Gentrification, Stadtentwicklung, Mobilität und Lebensqualität.

Eröffnet wurde die Tagung von Becky Tunstall, Direktorin des Center for Housing Policy der University of York. In ihrem Vortrag beschäftigt sie sich mit den regional variierenden Wohnkosten in Großbritannien und wie sich diese auf das Wohlbefinden von Haushalten mit niedrigem Einkommen auswirken. In Anbetracht der Situation in London, wo mittlerweile selbst Mittelschichtangehörige durch drastisch steigende Mieten aus der Stadt verdrängt werden weist sie darauf hin, dass insbesondere Alleinlebende, Arbeitslose und Menschen mit Migrationshintergrund durch die steigenden Wohnkosten stark armutsgefährdet sind. Zusätzlich verschärft wird die Situation für solche Haushalte durch die bedroom tax, die eine Wohngeldkürzung für unterbelegte Wohnungen vorsieht. Das Ziel der Regierung war ursprünglich, die betroffenen Haushalte dazu zu bewegen, in kleinere Wohnungen umzuziehen oder, im Fall von Arbeitslosigkeit, zurück in die Beschäftigung zu finden, um die entstehenden Mehrkosten ausgleichen zu können. De facto führt die bedroom tax aber nur zu einer finanziellen Mehrbelastung ohnehin schon armer Haushalte, weil diese natürlich versuchen die Wohnung um jeden Preis zu halten, da sie sonst weit aus der Stadt hinaus ziehen müssten. Der Tenor lautet: Hinsichtlich des Wohlbefindens ist nicht nur die Qualität der Wohnung selbst ausschlaggebend, sondern auch die des sozialen und räumlichen Wohnumfeldes.

Matthias Bernt gibt im Vortrag „Same, same, but different“ Einblicke in ein laufendes Forschungsvorhaben, in dem er die Gentrification von Gebieten in London, Berlin und St. Petersburg miteinander vergleicht. Völlig richtig argumentiert er dabei, dass public policies zunehmend als Treiber der Gentrification in den Fokus der Analyse geraten und widmet sich den regionalen Unterschieden und Auswirkungen dieser. Neben dem Inhalt des Vortrags selbst ist vor allem der Einstieg, den Bernt gewählt hat, bezeichnend für den aktuellen Stand der Diskussion zum Thema Gentrification. „Gentrification für ihre Bauchmuskeln“ lautet der Slogan eines Fitnessstudios, der auf einer abfotografierten Werbung prangt. Bernt nimmt dies zum Anlass, um auf die Vielfalt der Verwendung des Begriffs hinzuweisen. Auch die sich anschließende Diskussion ist geprägt von der Frage, was die Forschung denn nun geleistet hätte, um die Gentrification in den Städten kontrollieren oder gar stoppen zu können. Hierfür gibt es natürlich keine universelle Lösungsstrategie, genau dies zeigt Bernt auch mit seinem Forschungsvorhaben. Bei der Analyse und auch bei einer möglichen Steuerung von Aufwertungsprozessen in Städten müssen immer die lokalen, regionalen und nationalen Kontexte mitgedacht werden. Hinzu kommt, dass sich das „Gesicht der Gentrification“, also die Art und Weise wie sie passiert und was dabei die ausschlaggebenden Faktoren sind, im ständigen Wandel befindet. Demnach hat Bernt recht, wenn er sagt: „We as researchers think we are done with gentrification, but gentrification is not done with us“.

Einem scheinbar eher weniger beachteten Thema widmete sich Maren Harnack in ihrem Vortrag über Großwohnsiedlungen. Am Beispiel der Frankfurter Nordweststadt zeichnet sie nach, wie diese Siedlungen von „places of progress“ zu „places of disorder“ wurden. Die Ursachen dafür sei ein Mangel an Urbanität, so die generelle Kritik. Hierzu zählen Planer eine unausgewogenen soziale Mischung der Bevölkerung, unbelebte Straßen, mangelnde Einkaufsmöglichkeiten und das Fehlen von klar definierten Räumen. Als Gegenbeispiel wird einmal mehr der Prenzlauer Berg in Berlin angestrengt, in dem diese Qualitäten verortet werden können. Daher auch die resultierende Zusammenfassung: „It’s good they have this bad reputation, because cool people don’t want to live there“. Fraglich ist, wie lang dies noch der Fall sein wird. In der anschließenden Diskussion war man sich zwar einig, dass es kaum Forschung zu (westdeutschen) Großwohnsiedlungen gäbe, das Interesse in letzter Zeit aber merklich zunehme. Wer mehr über diese Siedlungen erfahren möchte, dem sei an dieser Stelle die Dokumentation Am Kölnberg und dieser Artikel von Sebastian Kurtenbach ans Herz gelegt.

„Living in the inner city“ lautete der Titel des Vortrags von Marcus Menzl, der als Soziologe für die Hafen City Hamburg GmbH arbeitet und die Entwicklung dieser in ganz Europa beispiellosen Innenstadterweiterung wissenschaftlich begleitet. Im Kontext sich wandelnder gesellschaftlicher Lebensmodelle geht er der Frage nach, was die neue Affinität der gebildeten Mittelschichthaushalte gegenüber der innere Stadt wirklich bedeutet. Auf Basis von mehr als 100 qualitativen Interviews konstruiert er mehrere Typen von Haushalten, die sich in ihrem Umgang mit den guten wie schlechten Seiten des Lebens in der inneren Stadt unterscheiden. Die erste Gruppe versucht, die Sicherheit und Kontrolle, die sie aus Suburbia gewohnt ist, beizubehalten. Gerade diese sind es, die häufig in halb-öffentlichen Wohnanlagen wie z. B. den Prenzlauer Gärten in Berlin zu finden sind. Ganz im Sinne des Not In My BackYard (sogenannte Nimby) schätzen sie die Vielfalt lebendiger urbaner Quartiere, tragen aber durch den abgeschotteten Charakter ihrer Wohnanlage nicht zu diesem bei. Im Gegensatz dazu der zweite Typ: er versucht sich aktiv in die Nachbarschaft einzubringen und verändert damit, wahrscheinlich sogar ungewollt, deren Charakter. Kulturelle Umdeutung des Raumes und Gentrification sind die Folge. An andere Stelle wird diese Aneignung und Umdeutung des Raumes und die dadurch hervorgerufene Überfremdung auch symbolische Gewalt genannt. Ein weiterer Typ versucht, die Vorzüge des Städtischen mit denen des Ländlichen zusammenzubringen, in dem der gesamte Haushalt die Wochenenden im Zweitwohnsitz auf dem Land verbringt.

Abschließend noch eine interessante Zahl: 70 % der in die bisher fertig gestellten Teile der Hafen City zugezogenen Haushalte haben bereits vorher innerhalb der Stadtgrenzen von Hamburg gewohnt. Dies widerspricht häufig angetroffenen Behauptungen, wonach die Bewohner neuer Wohnanlagen absolut ortsfremd und überhaupt nicht an der Stadt oder Nachbarschaft interessiert sind. Vielmehr handelt es sich häufig um innerstädtische Haushalte, die auf der Suche nach Eigentum aus Mangel an Optionen ins Umland abgewandert wären.

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