Transnationalisierung

(Beitrag von Sebastian Kurtenbach & Sascha Riedel)

In diesem Beitrag möchten wir kurz ein nicht ganz neues Konzept in der Migrationsforschung vorstellen und kommentieren, die sog. Transnationalisierung. Ihren Ursprung hat die Diskussion bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Chicago, als Thomas & Znaniecki (1918) über Briefe polnischer Einwanderer „stolperten“ und bemerkten wie sehr die Einwanderer mit ihrer Heimat verbunden waren, was sie ihnen schrieben und wie eng die sozialen Beziehungen zwischen den weit voneinander entfernten Orten waren. Neben der Assimilation und der Bildung ethnischer Enklaven ist also ein weiterer Typ der Adaption zu erkennen (Faist 1998): Personen die an einem Ort sind, aber soziale Beziehungen zu weit entfernten Orten unterhalten. Pries (2001: 55) unterscheidet sogar vier Typen von Migranten: Immigranten, Remigranten, Diaspora Migranten und Transmigranten.

Immigranten sind demnach solche Zuwanderer die ein biographisches Zuwanderungsprojekt hinter sich haben und nicht mehr zurück an den Ursprungsort gehen. Es sind klassische Zuwanderer auf welche die Annahme der sukzessiven Assimilation mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit zutrifft. Remigranten sind diejenigen, die ihr Migrationsprojekt durch Rückkehr beendet haben, z.B. deutsche Auswanderer die es nach einiger Zeit wieder an ihren Herkunftsort zurückverschlägt. Dann gibt es sogenannte Diaspora Migranten. Hierunter sind Immigranten zu verstehen, die sich nahezu ausschließlich am Heimatland orientieren. Für diese Auswanderer bleibt die Rückkehr in das Herkunftsland immer ein Ziel, welches jedoch vorübergehend oder dauerhaft nicht zu realisieren ist. So ist zum Beispiel ein Teil der politischen Flüchtlinge in den USA, z.B. aus Guatemala oder Kuba, als Diaspora Migranten anzusehen. Und dann sind da noch Transmigranten, die zwischen den Orten pendeln und ihr Leben an mehreren Orten und Ländern gleichzeitig ausrichten. Verbreitet ist ein solches Verhalten vor allem bei Managern und anderen hochgebildeten Arbeitnehmern, aber auch Migrationsströme von armutsgefährdeten Personen rücken zunehmend in den Fokus der Diskussion. Ein Beispiel dafür sind armutsbedrohte Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien die zwar zur Arbeitssuche nach Deutschland, Frankreich oder England kommen, aber regelmäßig zu ihren Herkunftsorten pendeln und/oder Geld dorthin senden. Transmigranten sind demnach Menschen die durch soziale Handlungen Orte über Landesgrenzen hinweg verbinden. Das hat Konsequenzen für das Verständnis von Orten, die zu transnationalen Räumen werden, wie z.B. in Ankunftsgebieten zu sehen ist. Wenn Handlungen und unmittelbare Handlungseinflüsse nicht mehr auf einen Ort beschränkt sind, dann steht beispielsweise die Soziale Arbeit vor der Herausforderung ihre Konzepte überdenken zu müssen. Auch die Politik kann transnationale Karrieren berücksichtigen, wie die Wahlkampfauftritte des türkischen Staatspräsidenten Erdogan in Köln oder Berlin zeigen.

Transnationale Verhaltensweisen beziehen sich dabei auf sehr unterschiedliche Aktivitäten. Eine geläufige Klassifikation unterscheidet zwischen politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Aspekten (Levitt & Jaworsky 2007). So werden unter transnationalen Handlungen monetäre Rücküberweisungen (ökonomisch), familiäre Netzwerke, die über mehrere Staaten spannen (sozial), parteinahes Engagement von Migranten im Herkunftsland (politisch), oder Identitätsmuster, die sich auf mehrere Nationalstaaten beziehen (kulturell) untersucht. Die Probleme dieser Vielfalt sind dabei offensichtlich: In irgendeiner Hinsicht ist jeder Migrant, evtl. sogar jeder Mensch, ein Transnationalist. Wenn multikultureller Konsum, z.B. in Bezug auf Kunst und Ernährung, oder Fernreisen bereits als Indikatoren von Transnationalismus verwendet werden, verliert die Idee an konzeptioneller Schärfe. Deshalb gibt es Bestrebungen das Konzept enger zu fassen, z.B. als regelmäßige und anhaltende Handlungen die über zumindest eine Landesgrenze verlaufen (Portes et al. 1999). Dennoch bleibt nach wie vor unklar, ab wann eine Handlung als regelmäßig (z.B. 2x im Jahr oder 2x pro Woche?) oder anhaltend (z.B. über 1 Jahr oder über 10 Jahre?) zu betrachten ist. Wie deutlich geworden ist, steht die Vereinheitlichung der Messung transnationaler Verhaltensweisen noch am Anfang ihrer Entwicklung.

Alles in allem ist das Konzept der Transnationalisierung und dessen genaue Erfassung noch umstritten. In Zeiten zunehmender europäischer Einigung und globalen wirtschaftlichen Verflechtungen lässt sich allerdings nicht mehr von der Hand weisen, dass es Menschen gibt, die ihr Handeln an mehreren Orten in unterschiedlichen Staaten ausrichten.

Literatur:

Faist, Thomas. 2008. Transnational social spaces out of international migration: evolution, signifcance and future prospects. European Journal of Sociology 39: 213–247.

Levitt, Peggy & Jaworsky, B. N. 2007. Transnational Migration Studies: Past Developments and Future Trends. Annual Review of Sociology 33(1), 129–156.

Portes, Alejandro, Guarnizo, Luis E. & Landolt, Patricia 1999. The study of transnationalism: pitfalls and promise of an emergent research field. Ethnic and Racial Studies 22(2), 217–237.

Pries, Ludger. 2001. The disruption of social and geographical space. International Sociology 16: 55–74.

Thomas, William I. & Znaniecki, Florian 1918. The Polish Peasant in Europe and America: Monograph of an Immigrant Group: Volume I: Primary-Group Organization. Boston: Richard G. Badger.

Siehe auch:

Glick Schiller, Nina, Basch, Linda & Szanton Blanc, Cristina 1995. From Immigrant to Transmigrant: Theorizing Transnational Migration. Anthropological Quarterly 68(1), 48–63.

Waldinger, Roger 2013. Immigrant transnationalism. Current Sociology 61(5-6), 756–777.

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