Was leisten Ankunftsgebiete für die Stadtgesellschaft?

(Beitrag von Sebastian Kurtenbach & Jan Üblacker)

Wie gut kann man in Deutschland leben? Um dieser Frage nachzugehen kommt Angela Merkel am 25. August nach Duisburg Marxloh, einen Stadtteil im Ruhrgebiet, der zuletzt von der Polizei als No-Go-Area bezeichnet wurde. Offene Bedrohung von Polizeibeamten, Probleme in der gesundheitlichen Versorgung und Bandenkriminalität sind nur einige Probleme, die häufig in einem Atemzug mit Marxloh genannt werden.

Ohne diese Probleme zu ignorieren, wollen wir mit diesem Beitrag eine komplementäre These aufstellen, denn: Ankunftsgebiete, wie z. B. Marxloh, erfüllen gerade in Zeiten zunehmende Einwanderung eine wertvolle Funktion für die Stadtgesellschaft. Dort wird Integration organsiert und konkret erfahrbar. Denn ein Einwanderungsland wie Deutschland braucht Einwanderungsstadtteile. In klassischen Einwanderungsländern wie den USA oder Kanada sind solche Quartiere Normalität und heute zum Teil sogar Touristenattraktionen, wie z. B. China Town in New York. Merkmale solcher Ankunftsgebiete sind eine langjährige Migrationsgeschichte, anhaltend hohe Bevölkerungsfluktuation, eine sogenannte migrantische Sockelbevölkerung, entsprechende gewerbliche Strukturen und niedrigschwellige lokale Arbeitsmöglichkeiten.

Aber wie können wir Ankunftsgebiete verstehen? Sind sie nur Problemzonen einer überforderten Stadtgesellschaft? Zunächst einmal sind sie Zielort von eher geringqualifizierten oder mittellosen Einwanderern, auch weil diese anderenorts keine Wohnung finden. Marxloh ist ein gutes Beispiel dafür. Wichtig zu wissen ist, dass segregierte Stadtteile mit günstigen Mieten nicht automatisch auch Ankunftsgebiete sind. Solche Quartiere bieten darüber hinaus die Möglichkeit ohne Wohnberechtigungsschein oder anderer behördliche Hürden in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Die örtlichen Opportunitäten helfen dabei. Solche können z. B. bereits ansässige Gruppen vertrauter Ethnie und Sprache sein, die dem Ankommenden den Zugang zum Empfängerland erleichtern, während er die Landessprache noch nicht beherrscht. Darüber hinaus bieten Gebiete wie Marxloh den Ankommenden eine Reihe von gewerblichen Strukturen, wie z. B. Money-Transfers (RIAS, Western Union) und günstige Lebensmittelgeschäfte und Kioske. Gerade letztere gibt es z. B. in homogen reichen Wohngebieten meist nicht, weswegen es aus diesem Blickwinkel betrachtet kaum sinnvoll erscheint, Einwanderer in solche Gebieten unterzubringen.

Eine stetige Zu- und Abwanderung verändert einen Stadtteil. In Marxloh steht die überregional bekannte Hochzeitsmeile auf der Weseler Straße laut Tagesspiegel aufgrund der Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien vor Problemen. Die Anpassung des Ortes an seine Bewohner ist nicht immer frei von Konflikten, doch auch Zeichen von Demokratie. Denn die Deutungshoheit über den Ort ist nicht zementiert, sondern muss immer wieder neu verhandelt werden, weswegen Begegnungsprojekte zwischen Zuwanderern und länger Ansässigen in Ankunftsgebieten eine hohe Bedeutung haben. Selbstverständlich ist damit nicht die Duldung von Kriminalität gemeint, aber ob es in einem Stadtteil mehr türkische oder rumänische Lebensmittelläden gibt, ist Ausdruck der lokalen Nachfrage.

Neben den erleichternden sprachlichen und infrastrukturellen Bedingungen, die solche Gebiete für eine erfolgreiche Integration von Einwanderern bieten, ließe sich ferner darüber spekulieren, inwiefern die hohe Fluktuation der Bewohner nicht auch darauf hinweist, dass zwar viele Menschen in das Gebiet einwandern, aber wohlmöglich ähnlich viele das Gebiet nach kurzer Zeit auch wieder verlassen. Denn es ist davon auszugehen, dass vor allem diejenigen, die eine erfolgreiche erste Orientierungs- und Integrationsphase innerhalb des Ankunftsgebietes durchlaufen haben, in eine weniger problembehaftete Nachbarschaft weiterziehen. Dies hat zur Folge, dass sozialpolitische Investitionen der Kommune in die Nachbarschaft sich nicht oder nur sehr gering in der kommunalen Sozialstatistik abbilden. Erfolg müsste also anders gemessen werden, denn vorhanden ist er allemal.

Ein Ankunftsgebiet wie Marxloh wirkt auf den ersten Blick wie ein Problemviertel, doch das allein ist es nicht. Unser Einwanderungsland wäre ohne solche Quartiere vollkommen überfordert. Um bei steigender Zuwanderung weiterhin eine solch wichtige Rolle erfüllen zu können, brauchen sie Unterstützung. Und das nicht nur in Form längerer Laufzeiten von Stadtteilentwicklungsprojekten, sondern eben auch in der Förderung migrantischer Unternehmen und der Anerkennung ihrer Funktion.

Auch die belastende Situation für die vor Ort tätigen Beamten und Sozialarbeiter darf nicht ignoriert werden. Allerdings ist eine Verengung auf die Problemlagen vor Ort wenig hilfreich, auch wenn medienwirksame Bezeichnungen wie No-Go-Areas vielleicht dazu verleiten. Ankunftsgebiete mögen für diese Professionen herausfordernde Gebiete sein, sie sind jedoch keine Problemzonen. Sie sind Orte einer mittelfristig gelingenden Integration, insbesondere wenn sich der lokalen Bevölkerung die Möglichkeit einer mittelfristigen Etablierung eröffnet. Eine solche lässt sich allerding nur in kleinen Schritten herbeiführen.

Angela Merkel wird sich in Marxloh also mit einem Ankunftsgebiet konfrontiert sehen, was zurzeit einen Umbruch erlebt. Wie kann Zusammenleben in einer sich ständig wandelnden Umgebung funktionieren? Dabei ist zweierlei zu beachten: Erstens wird die Zuwanderung aus anderen EU Ländern weder abnehmen noch zu unterbinden sein.  Zweitens wird der missbräuchliche Bezug von Sozialleistungen, wie der in der Regel falsche Vorwurf gegenüber EU Zuwanderern aus Rumänien und Bulgarien lautet, bestraft. Der Hinweis auf diese Gegebenheiten wird nicht zur Beantwortung der Frage führen, wie die Zukunft des Quartiers gestaltet werden kann. Der Stadtteil und die Menschen vor Ort brauchen ein Teilhabeversprechen. Die Bundeskanzlerin hat im Vorfeld angedeutet, vor Ort Arbeitsplätze schaffen zu wollen. Integration über den Arbeitsmarkt funktioniert erfahrungsgemäß sehr gut.

(Titelbild von Julian Schüngel)

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