Tagungsbericht: ESA Conference 2015

Ende August waren wir auf der European Sociological Association Conference 2015 in Prag. Hier haben wir uns in allerlei Panels rumgetrieben, aber vor allem in dem des Research Network 37: Urban Sociology. Mit diesem Beitrag möchte ich einen kleinen Einblick in einige Vorträge geben, die in diesem Panel gehalten wurden. Es gab insgesamt 13 Sessions mit Themen wie z. B. Public Spaces, Inequalities and Mobilities in Urban Space, Urban Social Movements, Public Policies oder auch Gentrification. Einige der Vorträge aus diesen Sessions werden im Folgenden erläutert.

Lilika Trikalinou geht in ihrem Vortrag „Making Visible: Irregular Immigrants‘ Uses of Urban Public Space“ der Frage nach, wie Menschen mit „ambigous identity“ urbane Räume verändern. Diese sind für die Administration zwar „unsichtbar“, weil sie keinen legalen Aufenthaltsstatus haben, hinterlassen im öffentlichen Raum aber nur allzu sichtbare Spuren. Anhand von Interviews, teilnehmenden Beobachtungen und Shadowing beschreibt sie die informellen Organisationsstrukturen, mit denen sich die Einwanderer den öffentlichen Raum aneignen. Schauplatz dieser Untersuchung ist der Omonia Platz in Athen. In seiner Funktion als zentraler Verkehrsknoten und ehemaligem Sitz der griechischen Börse ist er inzwischen in den Medien (auch in den deutschen) als „Ghetto“ verschrien. Möglichkeiten zu informeller Arbeit, Wohnen und weitreichende Hilfenetzwerke geben diesem zentralen Platz den Charakter eines Ankunftsgebiets.

Anhand einer vergleichenden Untersuchung „Strategies of Invisibilisation: Findings from a Comparative Analysis of Managing Social Inequality on Public Spaces in Brno and Hamburg“ entwickeln Sandra Schindlauer und Pavel Pospech vier Dimensionen der Invisibilisierung von Obdachlosigkeit, anhand derer sich der Umgang der Städte mit dieser, aber auch die Strategien der Obdachlosen im Alltag vergleichen lassen. Eine Betrachtung der rechtlichen Dimension zeigt, dass Hamburg vor allem mit „Law&Order“-Maßnahmen und durch die Privatisierung öffentlicher Räume in Form von Business Improvement Districts (BID) gegen Obdachlose vorgeht, während diese in Brno schlichtweg der Stadt verwiesen werden. Die sogenannte „defensive dimension“ beschreibt die Gestaltung von Bänken, die z. B. gewölbt sind, um das Liegen darauf zu unterbinden, und Mülleimern, die durch eine verengte oder gar geschlossene Öffnung das Hineingreifen verhindern sollen. In Brno geht das Ganze soweit, dass NGOs, die Sandwiches an Obdachlose verteilen, durch Ordner daran gehindert werden. Die individuelle und räumliche Dimension ist in beiden Städten weitestgehend identisch. Erstere bezeichnet Strategien der Obdachlosen, um im öffentlichen Raum nicht aufzufallen. Letzterer konnten die Forscher durch Interviews mit Obdachlosen und der kommunalen Administration skizzieren. In jeder Stadt gibt es Null-Toleranz-Zonen, aber auch Zonen in den Obdachlose zum Teil geduldet werden. Insbesondere sogenannte Korridore, die häufig entlang der BIDs eingerichtet werden, sollen dazu dienen, die Obdachlosen von Touristenströmen und Einkaufsstraßen fernzuhalten. Aus ihren Ergebnissen schließen Schindlauer und Pospech: Die Maßnahmen der Städte richten sich vor allem auf die Verschönerung der öffentlichen Räume, aber nicht auf die eigentlichen Ursachen der Obdachlosigkeiten. Wieder einmal werden lediglich die Symptome bekämpft, anstatt die Ursachen zu behandeln.

Einen Einblick in die Situation der Roma auf dem Bukarester Wohnungsmarkt gewährt Irina Maria Zamfirescu in ihrem Vortrag „The Materiality of Social Dumping: Evictions, Housing and the War on Poor in Bucharest”. Der Wohnungsmangel auf dem rumänischen Markt führt dazu, dass insbesondere Roma, die ohnehin stark segregiert leben, vermehrt Umsiedlungen und Zwangsräumungen ausgesetzt sind. Darüber hinaus ist ihnen der Zugang zu Sozialwohnungen durch die Regierung weitestgehend verwehrt. Von institutioneller Seite kommt hinzu, dass in Rumänien jeder Stadtbezirk eine eigene Wohnungspolitik betreibt. So entsteht eine Kultur des Wegschauens, all das in der Hoffnung, ein anderer Bezirk würde sich um die Probleme kümmern. Eine übergeordnete Einheit, wie man sie aus deutschen Kommunen kennt, fehlt völlig. Zamfirescu sieht in der Situation eine systematische Diskriminierung von Armen und Roma sowie einen administrativen Unwillen, neue Sozialwohnungen zu bauen. Die Überforderung der administrativen Kräfte geht soweit, dass sie den Menschen raten, Gebäude, die sich im staatlichen Besitz befinden, zu besetzen.

Nach einer Schätzung haben nur drei Prozent der Warschauer Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Aleksandra Winiarska untersucht unter dem Titel „Next-door strangers? Ethnic Differences and Neighbourly Contact in a Central European Context” den Umgang und die Gewöhnung der einheimischen Bevölkerung mit den Zuwanderern in dieser noch in Zeiten des Sozialismus ethnisch und sozial völlig homogenen Stadt. Seit Etablierung der Demokratie wird die Bevölkerung der großen Städte in Polen ethnisch immer diverser. Im Gegensatz zu vielen westeuropäischen Metropolen gibt es in Warschau keine ethnischen Enklaven. Anhand von 61 semi-strukturierten Interviews findet Winiarska heraus, dass eine gute Nachbarschaft wichtiger ist als der Kontakt zu Personen der gleichen Ethnie. Vorurteile gegenüber Einwanderern und Konflikte mit diesen können so vorgebeugt werden.

Oddrun Kristina Saeters Vortrag „Cohesions and Separations. Social and Symbolic Inequality in Urban Neighborhoods in Oslo“ von dem Konversionsprojekt „Fjord City“ in Oslo. Auf dem alten innerstädtischen Hafenareal werden neben Wohnungsneubau und Büros auch ein neues Munch Museum, das Opernhaus und eine Philharmonie angesiedelt. Im Gegensatz dazu stehen die angrenzenden Nachbarschaften Toyen und Gamle Oslo. Die meisten der Wohnungen in diesen Gebieten sind Sozialwohnungen und die Armutsquote ist hier am höchsten. Wie viele andere Nachbarschaften im Osten Oslos leiden auch diese unter massiven Gesundheits- und Drogenproblemen der Bevölkerung. Die Lebenserwartung im Westen der Stadt ist 10 Jahre höher als im östlichen Teil, so Saeters. In ihrer Untersuchung geht sie der Frage nach, wie ein solches vom öffentlichen Sektor ausgehendes Aufwertungsprogramm nachhaltiger für die umliegenden Gebiete und deren Bevölkerung gestaltet werden kann. Mit Hilfe eines breiten Methodenmix aus Interviews, Beobachtungen, Bevölkerungsstatistiken und Wohnungsdaten zeichnet sie ein detailliertes Bild der Situation. Eine Erkenntnis: Die Mittelschicht in diesen Gebieten leistet Wiederstand, wird jedoch gleichzeitig beschuldigt, die Interessen der anderen Bevölkerungsgruppen zu übergehen. Über all dem sieht die Forscherin die Frage schweben: Findet hier bereits Gentrification statt?

In der letzten Session am Freitag ging es schließlich auch im Fokus um Gentrification. Zunächst beleuchtet Graca Indias Cordeiro in ihrem Vortrag „From the Urban Edge to a Central Place: Ethnographic Approaches to the Portuguese Hub of Boston“ die Situation der portugiesischen Nachbarschaft in Cambridge. Diese war früher vor allem durch Menschen mit niedrigem Einkommen und ihren ethnischen Mix geprägt. Auf dann Straßen findet man eine Vielzahl portugiesischer Geschäfte. Durch das naheliegende MIT und den entstehenden Tech Hub werden Einkommensschwächere, zu denen auch viele der alteingesessenen Portugiesen zählen, verdrängt. Was jedoch bleibt, ist die portugiesisch geprägte gewerbliche Struktur der Nachbarschaft. Diese inszeniert sich selbst als eine Art Ethnic Themepark und schafft es so, die Logik des steigenden Verwertungsdrucks für sich zu nutzen. Die ehemals „unsichtbare“ Minderheit tritt inzwischen vor allem über ihr gewerbliches Erbe in Erscheinung.

Unter dem Titel „The Marketers Dreams vs. Romantic Gentrification“ setzt sich Jacek Gądecki mit den Aufwertungsprozessen in der Krakauer Nachbarschaft Nova Huta auseinander. Seine Frage lautet dabei: Sind Gentrifier bewusst auf der Suche nach Diversität und Distinktion? Space Consumption und Space Production sind die zwei Stichwörter, unter denen er das Vorgehen der Zuziehenden untersucht. Wie grenzen sich diese von den Gated Communities der oberen Mittelschicht ab? Wie nutzen sie Symbole des Sozialismus, um sie umzudeuten und ihre Umgebung damit zu schmücken? Es stellt sich heraus, dass viele dieser Pioniere, wie man sie im deutschen Diskurs nennen würde, aufgrund der wahrgenommen Authentizität nach Nova Huta kommen. Sie schätzen das „dörfliche“ bei gleichzeitiger Urbanität und investieren viel Zeit und Arbeit in die Renovierung und Gestaltung ihrer Wohnungen. Auch das spricht dafür, dass sich Nova Huta in einer der Anfangsphasen der Gentrification befindet. Obwohl noch ca. 60% der Wohnungen in Besitz der Kommune sind, ist mit einer fortschreitenden Aufwertung zu rechnen, denn viele der Neuankömmling haben die Möglichkeit, die von ihnen bezogene Sozialwohnung zu einem vergünstigten Preis zu kaufen.

Soweit erst mal der kleine Einblick in die Forschungsagenda der europäischen Stadtsoziologie. Wer jetzt neugierig geworden ist, kann sich hier auf dem Laufenden halten oder hin und wieder auf unseren Blog schauen.

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