Teilnehmende Beobachtung

Die Methode der teilnehmenden Beobachtung klingt im ersten Moment voraussetzungslos, nach dem Motto: dabei sein ist alles. So einfach ist es aber nicht, will man mit Beobachtungen wissenschaftliche Erkenntnisse erzielen. Zu Beginn muss man sich die Frage stellen „Was will und kann ich denn mit Beobachtungen messen?“ Wenn man Einstellungen von Menschen untersuchen will, muss man sie fragen, ob standardisiert oder in qualitativen Designs. Will man das Ausmaß der Segregation in einem Stadtteil untersuchen, hilft die Auswertung der amtlichen Statistik. Beobachtungen zeigen einem, was Menschen tatsächlich tun und nicht was Menschen denken was sie tun, wodurch die Verzerrung durch Interviewsituationen vorgebeugt wird.
Wer also verhaltensbezogene Daten sammeln möchte, für den bieten sich Beobachtungen an. In zahlreichen Experimenten, zum Beispiel in der Psychologie, ist die Beobachtung oftmals Teil des Versuchsablaufs. In der Soziologie hat man es allerdings seltener mit experimentellen Designs zu tun und überhaupt nicht in der Anthropologie. Hier untersucht man anhand von Beobachtungen wie Menschen sich in alltäglichen und nicht experimentellen Situationen verhalten. Dadurch lässt sich eine simple aber weitreichende Frage beantworten: Was passiert wann wo?

Nach Friedrichs und Lüdkte (1971) sind vier Typen von Beobachtungen zu unterscheiden.

  1. Sehr starke Teilnahme an der Situation: Die Forscherin oder der Forscher ist Teil der Situation und beeinflusst die maßgeblich.
  2. Starke Teilnahme: Die Forscherin oder der Forscher ist zwar Teil der Situation, hält sich aber so gut es geht zurück, um keine grundlegenden Impulse in der Situation zu setzten.
  3. Passive Teilnahme: Die Forscherin oder der Forscher betrachtet eine Situation von außen und beeinflusst sie nicht.
  4. Die indirekte Teilnahme: Die Forscherin oder der Forscher ist nicht direkt zugegen, sondern verlässt sich auf technische Hilfsmittel wie Kameras oder Erzählungen Dritter.

Die Auswahl des Typs hängt davon ab, was untersucht werden soll. Damit ist auch ein zweiter grundsätzlicher Aspekt angesprochen, die Unterscheidung in standardisierte und nicht standardisierte Beobachtungen. Beide Arten der Beobachtungen haben ihre Vor- und Nachteile. Durch nicht-standardisierte Beobachtungen können Abläufe in allen Einzelheiten genau beschrieben werden. Allerdings ist zum einen die Dokumentation sehr aufwendig und zum anderen ist die Vergleichbarkeit schwierig. Bei standardisierten Beobachtungen verhält es sich umgekehrt. Mit den dadurch gewonnen Daten Situationen leicht verglichen werden und auch statistische Verfahren gerechnet werden. Ob man standardisiert beobachtet oder nicht, hängt davon ab, ob man Hypothesen prüfen oder aufstellen möchte. Bei einem Bereich zu dem man keinerlei Annahmen hat, empfehlen sich nicht-standardisierte Beobachtungen, um mit deren Hilfe Zusammenhänge zu formulieren. Das ist zugleich eine Grundannahme der Grounded Theory. Wenn man aber aus der wissenschaftlichen Literatur Überlegungen zu Zusammenhängen formuliert hat, dann empfehlen sich eher standardisierte Beobachtungen um solche Zusammenhänge auch zu prüfen und selbstverständlich gibt es auch hier Misch- und Zwischenformen.

Ein Beispiel wozu standardisierte Beobachtungen genutzt werden können, ist die Prüfung der sog. Broken-Window-Theorie von Wilson und Kelling (1982). Die Annahme ist, dass durch Anzeichen von Unordnung (Incivilities) in der baulichen Umgebung, z.B. in Form von Graffiti oder Müll, abweichendes Verhalten sozusagen legitimiert und es in der Nähe solcher Incivilities häufiger zu abweichendem Verhalten kommt. Nicht-standardisierte Beobachtungen sind z.B. in der berühmten Marienthal Studie verwendet wurden, wodurch unterschiedliche Typen des Umgangs mit Armut beschrieben werden konnten (Jahoda et al. 1960).

Bei der Planung der Verwendung der Methode der teilnehmenden Beobachtung sollte von Beginn an mitgedacht werden, wie das Material ausgewertet werden soll. Denn das bestimmt auch die Dokumentation der Beobachtungen. Bei standardisierten Beobachtungen gibt der Bogen die Dokumentation vor und die Auswertung kann durch deskriptive oder multivariate statistische Verfahren geschehen. Bei nicht-standardisierten Beobachtungen ist die Protokollart, die Ausführlichkeit die Beschreibung des subjektiven Empfindens in der Situation sowie eine Reflexion über den Grad der Beeinflussung Orientierungspunkte zur Dokumentation des Materials. Dazu können auch Fotos, Video- oder Tonaufnahmen Verwendung, wie Gedankenprotokolle, Verwendung finden, welche durch Smart-Phones heute leicht aufgenommen werden können.

Die teilnehmende Beobachtung ist insgesamt eine hilfreiche, aber nicht zu unterschätzende Methode. Ihr Einsatz bedarf der klaren Planung und strukturierte Abläufe. Ein großer Vorteil besteht in der meist barrierearmen Umsetzbarkeit sowie der relativ leichten Verknüpfung mit anderen Methoden, wodurch Mehr-Methoden-Designs realisiert werden können.

Literatur

Friedrichs, Jürgen, und Hartmut Lüdtke. 1971. Teilnehmende Beobachtung. Zur Grundlegung einer sozialwissenschaftlichen Methode empirischer Feldforschung. Weinheim/Berlin/Basel: Verlag Julius Beltz.

Jahoda, Marie, Paul L. Lazarsfeld, und Hans Zeisel. 1960. Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziografischer Versuch.

Wilson, JQ, und GL Kelling. 1982. Broken Windows. Atlantic monthly 3: 29–39.

Literaturempfehlung zur teilnehmenden Beobachtung

Friedrichs, Jürgen, und Hartmut Lüdtke. 1971. Teilnehmende Beobachtung. Zur Grundlegung einer sozialwissenschaftlichen Methode empirischer Feldforschung. Weinheim/Berlin/Basel: Verlag Julius Beltz.

Häder, Michael. 2010. Empirische Sozialforschung. Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Siehe auch

https://stadtundmigration.wordpress.com/2015/06/11/stadtforschung-mit-google-street-view/

https://stadtundmigration.wordpress.com/2015/06/05/experteninterviews/

https://stadtundmigration.wordpress.com/2015/05/15/analyse-von-zeitungsartikeln-zur-rekonstruktion-des-sozialen-wandels/

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