Möglichkeiten quantitativer Segregationsforschung

In diesem Beitrag stelle ich die Möglichkeiten der Forschung zur Segregation in deutschen Städten anhand von drei Artikeln dar. Diese zählen zu den aktuellsten Publikationen in internationalen Zeitschriften und geben demnach einen guten Einblick in die Möglichkeiten, Grenzen und Probleme der quantitativen Segregationsforschung in Deutschland. Der Beitrag lässt sich darüber hinaus als eine Ergänzung zu „Die Messung ethnischer Segregation“ und „Datenquellen in der Stadtforschung“ lesen. Die residentielle Segregation beschreibt die disproportionale Verteilung verschiedener Gruppen über (städtische) Teilgebiete (Friedrichs und Triemer 2009: 16). Insbesondere die soziale und die ethnische Segregation deutscher Städte erfahren in der soziologischen Stadtforschung große Aufmerksamkeit, da mit ihnen generelle Ansprüche einer integrativen und durch wohlfahrtsstaatliche Ansprüche geprägten Gesellschaft zusammenhängen. Gebiete, die im gesamtstädtischen Vergleich als sozial schwach eingestuft werden, gelten als politisch unerwünscht, da sie für ihre Bewohner zur „sozialen Endstation“ werden können. Kommunen, Stadtentwickler und Planer streben deswegen nach einer „ausgewogenen“ sozialen Mischung in Nachbarschaften, da sie sich hiervon Aufstiegseffekte für untere soziale Schichten und eine gesamtgesellschaftlich integrierende Funktion für Zuwanderer erhoffen. Nicht zuletzt werden im Rahmen der Forschung zu Kontext- und Nachbarschaftseffekten negative Auswirkungen von mehrfach segregierten Gebieten auf ihre Bewohner diskutiert.

Der Frage nachgehend, ob Segregation in Deutschland überhaupt eine relevantes Problem ist, ziehen Karen Schönwälder und Janina Söhn (2009) die Daten der Innerstädtischen Raumbeobachtung (IRB) heran. Diese listet 42 Städte und bietet die Möglichkeit der Differenzierung nach Staatsangehörigkeit (Türken, Griechen, Italiener, Ex-Jugoslawen). Die IRB verwendet dabei die von der jeweiligen Stadt vorgegebene Raumeinheit, was in allen Fällen der Stadt- oder Ortsteil ist. Mit 33 westdeutsche Städten und Berlin kommen die Autoren auf 1810 Untersuchungseinheiten. Nach der Beschreibung genereller regionaler Unterschiede wird die Segregation in den Städten anhand des Indikators “Konzentration“ untersucht. Hierzu werden zwei relative Maße angewandt: Zunächst werden die Raumeinheiten betrachtet, in denen eine der Gruppen mehr als 10 Prozent der Bevölkerung ausmacht. In der Raumeinheit ist von einer „Konzentration“ die Rede, wenn der Anteil einer Gruppe an der Bevölkerung innerhalb dieser Raumeinheit mindestens doppelt so hoch ist, wie der Anteil dieser Gruppe an der Gesamtbevölkerung der entsprechenden Stadt. Zusammenfassend zeigt sich, dass Türken die am stärksten konzentriert lebenden Migranten sind, während sich die Wohnstandorte der italienischen Migranten kaum räumlich konzentrieren. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist das Maß an Konzentration immer noch moderat (Schönwälder und Söhn 2009).

Den Zusammenhang zwischen ethnischer und sozialer Segregation untersucht Lutz Sager (2012) am Beispiel von Migranten aus der Türkei, Italien, dem Balkan und Osteuropa. Er verwendet dazu das Sozioökonomische Panel (SOEP) in Kombination mit einem MICROM-Datensatz, der es erlaubt die unmittelbare Nachbarschaft („micro-neighborhood level“) zu untersuchen. Ein solches Nachbarschaftssegment besteht mindestens aus fünf  Haushalten, im Durchschnitt aus acht. Als Indikator wird der P* Isolationsindex herangezogen. Dieser misst die own-group exposure, also den Anteil der eigenen Gruppe in der unmittelbaren Wohnumgebung. Um den Zusammenhang zwischen ethnischer und soziale Segregation zu untersuchen, geht Sager wie folgt vor: zunächst wird die residentielle Segregation der vier Gruppen anhand des Isolationsindex untersucht. Anschließend werden sozioökonomische Unterschiede zwischen diese Gruppen betrachtet, um herauszufinden, inwiefern diese den Isolationsindex beeinflussen. Durch die statistische Kontrolle der Statusunterschiede wird deutlich, wie groß der Einfluss des sozioökonomischen Status gegenüber der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nationalität auf die residentielle Isolation (ein Maß der Segregation) ist. Mit der Analyse zeigt Sager eine starke residentielle Isolation der großen Einwanderergruppen in Deutschland. Zwischen 29 und 84 Prozent dieser Segregation kann dabei auf sozioökonomische Statusunterschiede zurückgeführt werden (Sager 2012).

Den aktuellsten Beitrag zur Debatte um den Zusammenhang zwischen ethnischer und sozialer Segregation liefern Janna Teltemann, Simon Dabrowski und Michael Windzio (2015). Sie untersuchen, inwiefern sich die räumliche Ungleichverteilung von Familien mit und ohne Migrationshintergrund auf sozioökonomische Statusunterschiede zurückführen lässt. Unter Rückgriff auf eine erweiterte Variante des Dissimilaritätsindex (D), wie sie von Kalter (2001) vorgeschlagen wird, gelingt es den Autoren, in das ursprünglich rein deskriptive Maß D eine Drittvariablenkontrolle miteinzubeziehen. Mit Hilfe dieses multinominalen logistischen Regressionsmodells ist es möglich, den „Nettoeffekt“ der ethnischen Segregation, also nach Kontrolle des Einflusses durch Unterschiede im sozialen Status, abzubilden. Möglich ist dieses Verfahren nur unter Verwendung von Individualdaten, die Teltemann et al. aus einer Schülerbefragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in elf Erhebungsgebieten in Deutschland beziehen. Von den elf untersuchten Gebieten werden in der Analyse nur die Großstädte Dortmund, Kassel, München, Stuttgart und Oldenburg verwendet, da hier eine ausreichende Anzahl räumlicher Einheiten vorhanden ist. Der Datensatz umfasst damit 7482 Befragte. Der Wohnort der Befragten wurde über die Postleitzahl erfasst, womit die Raumeinheit der Untersuchung der jeweilige Postleitzahlbezirk ist. Ein Migrationshintergrund liegt dann vor, wenn der Befragte angibt, dass beide Elternteile eine nicht-deutsche Staatsangehörigkeit bei Geburt besaßen. Der Erklärungsanteil des sozioökonomischen Hintergrunds an der residentiellen Segregation in den fünf untersuchten Städten beläuft sich den Ergebnisse von Teltemann et al. nach auf 18 % (Teltemann et al. 2015).

Die vorgestellten Artikel verdeutlichen dreierlei Dinge: Erstens sind die Datensätze, die zur Analyse von sozialräumlichen Veränderungen herangezogen werden können relativ vielfältig und erlauben bis zu einem gewissen Grad eine Generalisierung der getroffenen Aussagen. Jedoch verlieren sie gleichzeitig eine identifizierbare räumliche Bezugseben, die politische Handlungsfähigkeit auf Basis empirischer Analysen erlauben würde. Zweitens sind die räumlichen Zuschnitte in den verglichenen Untersuchungen sehr heterogen. Hier müssen sich Forscher im Zweifelsfall auf das Angebot einlassen können und die Vor- und Nachteile der jeweils vorhanden Einheit (Stadtteil, PLZ-Gebiet, Micro-Neighborhoods) kennen. Drittens wird deutlich, dass es nicht DEN Migrationshintergrund gibt, sondern dass es sich hier um eine vielfältiges Konzept handelt. Auch hier sollte man sich bewusst sein, was genau gemessen wird (Staatsangehörigkeit vs. Migrationsgeschichte) und dementsprechend interpretieren.

Weiterführende Literatur

Friedrichs, Jürgen; Triemer, Sascha. 2009. „Gespaltene Städte? Soziale und ethnische Segregation in deutschen Großstädten.“ 2. Aufl. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss.

Sager, Lutz. 2012. “Residential Segregation and Socioeconomic Neighbourhood Sorting: Evidence at the Micro-neighbourhood Level for Migrant Groups in Germany.” Urban Studies 49 (12): 2617–32.

Schönwälder, K., und J. Söhn. 2009. “Immigrant Settlement Structures in Germany: General Patterns and Urban Levels of Concentration of Major Groups.” Urban Studies 46 (7): 1439–60.

Teltemann, Janna, Simon Dabrowski und Michael Windzio. 2015. “Räumliche Segregation von Familien mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten: Wie stark wirkt der sozioökonomische Status?” KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 67 (1): 83–103.

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