Sag mir wo Du wohnst, und ich sag Dir, wer Du bist

Dass einige Stadtteile einen besseren Ruf haben als andere ist wohl jedem bekannt. Und so gibt es in eigen Städten auch Reime über die verschiedenen Gebiete, die doch eher zu den schlechteren Adressen gehören. „In Eller stirbst Du schneller“ ist eine Weisheit aus Düsseldorf. Im benachbarten Köln heißt es „Alles Schlechte auf dieser Welt kommt aus Nippes, Porz und Ehrenfeld.“ In diesem Beitrag möchte ich die Rolle des Image eines Wohngebietes stärker beleuchten. Dazu gehören die Fragen, wie ein solches Image eigentlich zustande kommt und welche Auswirkungen es hat.

Doch zu Beginn ein kurzer Blick in die Geschichte. Mit der Industrialisierung und dem rapiden Städtewachstum in Europa ging auch eine immer stärkere Differenzierung der Stadtteile einher. Einige Wohngebiete wurden zu Wohnlagen der bürgerlichen Gesellschaftsgruppen, andere zu elendsgeprägten Quartieren der entstehenden Arbeiterklasse. Friedrich Engels beschreibt in seinem Werk „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ eindrücklich die Lebensumstände in der damaligen Zeit. Solche Quartiere waren verrufen und wurden gleichgesetzt mit unmoralischen Verhalten. Ein Beispiel sind die sog. Kostgänger. Das waren meistens alleinstehende Männer, die zur Arbeit in die Fabriken kamen. Da es zu wenig Wohnraum in den Städten gab, wurden Schlafgelegenheiten, zum Teil in Verbindung mit einer Mahlzeit, angeboten. Daraus entstanden Mythen in den bürgerlichen Bewohnergruppen über unsittliches Verhalten der Arbeiter. Die Lebensform der umweltoffenen Arbeiterfamilie war jedoch schlichtweg der Not geschuldet. Heute wird weniger die Stadtteile stigmatisiert, in denen vermehr Arbeitnehmer in industriellen Arbeitsplätzen wohnen, sondern eher solche in denen es relativ viele Arbeitssuchende gibt.

Der Blick in die Geschichte hat gezeigt, dass Orte aufgrund von gruppenbezogenen Verhaltensweisen stigmatisiert werden. Zusammengefasst sind es drei Faktoren, die das Image eines Stadtteils prägen.

  • Prägende Ereignisse: Darunter fallen z.B. Aufstände, sog. Riots, wie in den Pariser Vororten.
  • Quartierstypen: Einige städtebauliche Erscheinungsformen, wie Großsiedlungen die eher negativ gesehen werden, als z.B. ein Wohngebiet in dem vor allem Gründerzeitvillen stehen.
  • Gruppenbezogene räumliche Verortungen: Wenn in einem Wohngebiet relativ viele Gruppenangehörigen wohnen, denen abweichende Verhaltensweisen zugesprochen werden, dann wird das Stigma auf alle Bewohner des Raums übertragen.

Gemessen werden kann der Ruf eines Wohngebietes ganz unterschiedlich. Eine Möglichkeit besteht in einer Befragung von Bewohnern. In standardisierten Befragungen können Stadtteile z.B. mit Schulnoten bewertet werden. So können Unterschiede in der Selbst- und Fremdwahrnehmung verdeutlicht werden. Jedoch empfiehlt sich eine eher verstehende Herangehensweise, wie die Einschätzung zustande kommt. In nicht standardisierten Befragungen, z.B. in Form von Experteninterviews, können die Begründungszusammenhänge sowie das subjektive Erleben besser abgefragt werden. Eine zweite Möglichkeit liefern Sekundaranalysen. Hier stellen sich zwar Herausforderungen, welche Daten überhaupt zur Verfügung stehen, jedoch wird häufig auf kleinräumige Daten der amtlichen Statistik zurückgegriffen. Nachteilig ist, dass der Ruf eines Stadtteils mit solchen Daten nur indirekt gemessen werden kann, z.B. wenn eine negative Reputation beim Zusammenhang zwischen erhöhter Arbeitslosigkeit und Zuwanderung vermutet wird. Eine dritte Möglichkeit bieten Analysen von Dokumenten über den Stadtteil, z.B. in Form einer Zeitungsanalyse.

Nun wurde diskutiert, wie der Ruf eines Wohngebietes zustande kommt und wie er gemessen werden kann. Aber wie kann er beeinflusst werden? Dazu gibt es eine Reihe von Strategien von denen auch wieder drei ausgewählte vorgestellt werden.

  • Gentrification: Wenn sich die Sozialstruktur eines Stadtteils durch den Zuzug einer statushöheren Gruppe und der Verdrängung einer statusniedrigen Gruppe ändert, dann ändert sich auch sein Ruf. Die vormals verrufenen Gassen werden zu urbanen Erlebnisorten mit Gastronomie und teuren Loftwohnungen.
  • Städtebauförderprogramme: Programme wie „Soziale Stadt“ und „Stadtumbau West/Ost“ haben auch zum Ziel, das Image eines Wohngebietes zu verbessern. Hier finden sich eine Vielzahl von Ansatzpunkten wie Bürgerfeste, positive Pressemitteilungen über Aktivitäten im Stadtteil oder die Initiierung von Stadtteilzeitungen.
  • Neighbourhood Branding: In den Niederlanden wurde ein Ansatz entwickelt, der Stadtteilen mit einem schlechten Ruf, anhand eines Verfahrens der Bürgerbeteiligung, eine positive „Marke“ verleihen soll. Durch einen solchen Prozess kann der Unterschied zwischen Außen- und Innenwahrnehmung eines Stadtteils positiv beeinflusst werden. Anders als bei Gentrification geschieht ein Imagewechsel dadurch ohne Verdrängung der ansässigen Bevölkerung.

Abschließend ist anzumerken, dass die Rolle des Images von Wohngebieten in einer immer ungleichen werdenden Gesellschaft auch immer wichtiger wird. Stadtteilen kommt eine zunehmende „Vistienkartenfunktion“ zu und werden so ausgewählt. Für die Stadtforschung heißt es, stärker als zuvor das Image eines Wohngebietes in ihre Analysen miteinzubeziehen, um der erlebten Wirklichkeit der Bewohner auch gerecht werden zu können.

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