Flüchtlingsunterbringung: Perspektiven der Stadt- und Migrationsforschung

Wer in den letzten Wochen die Zeitung aufgeschlagen, Nachrichten gesehen oder mit Freunden und Familienangehörigen gesprochen hat, der sah sich höchstwahrscheinlich mit dem Thema Flüchtlinge konfrontiert. Die Diskussionen beziehen sich dabei auf die Anzahl der Geflüchteten, wie sie untergebracht und in unsere Gesellschaft integriert werden können oder sollen. Nun hat das Thema auf dem ersten Blick wenig mit Stadtforschung zu tun, beim Zweiten aber eine ganze Menge. In diesem Beitrag beschäftige ich mich mit den Aspekten der Flüchtlingsunterbringung und verbinde sie mit einigen Konzepten der Migrationsforschung.

Flüchtlinge werden nach dem Königssteiner Schlüssel zwischen den sechszehn Bundesländern verteilt. Welches Land wie viele Flüchtlinge aufnehmen soll, wird aus der Wirtschaftskraft und der Einwohnerzahl berechnet. Länder mit wenigen Einwohnern und einer eher geringen Wirtschaftsleistung bekommen demnach weniger Flüchtlinge zur Unterbringung zugewiesen als große und wirtschaftsstarke. Wie die Verteilung innerhalb der Länder abläuft, wird unterschiedlich gehandhabt. Allerdings können Flüchtlinge, anders als z.B. Zuwanderer aus EU-Staaten wie den Niederlanden oder Bulgarien, sich ihren Wohnstandort nicht so einfach aussuchen. Die Flüchtlinge kommen in der Regel zunächst also nicht in die sogenannten Ankunftsgebiete.

Bei der Unterbringung von Geflüchteten gibt es unterschiedliche Forderungen und Idealvorstellungen, die sich von einer gleichmäßigen Unterbringung in allen Stadtteilen bis hin zu einer möglichst deutlichen Konzentration, z.B. in alten Kasernen, erstrecken. Einige Vorschläge sind aus der Not geboren, andere politisch motiviert. Die aktuelle Praxis zeigt: viele Flüchtlinge sind in Notunterkünften, wie Zeltstädten oder Turnhallen, untergebracht und werden erst nach und nach in andere Unterbringungsformen vermittelt.

Ein prominenter Vorschlag empfiehlt die Unterbringung der Flüchtlinge in Wohngebieten der Mittelschicht. Kritiker dieses Konzepts berufen sich auf den Wertverlust der Immobilien und die Gefahr steigender Kriminalität(sfurcht). Für die Migrationsforschung ist vor allem die Mischung der „alten“ und „neuen“ Bewohner interessant. Mit der Unterbringung von Flüchtlingen würde eine neue Gruppe in einen Stadtteil ziehen. Hier gibt es zwei klassische Hypothesen:

  1. Die Kontakthypothese geht davon aus, dass durch alltäglichen Kontakt Vorurteile abgebaut werden, da die erwarteten Unterschiede zwischen der Zuwanderergruppe und den Alteingesessenen nicht so deutlich sind.
  2. Die Konflikthypothese, die besagt, dass die räumliche Nähe unterschiedlicher Gruppen zueinander zu Konflikten führt, insbesondere wenn die Ressourcen, wie Wohnraum, knapp sind.

Für Deutschland hat sich bislang insbesondere die Kontakthypothese bestätigt. Allerdings bedeuten weniger Vorurteile noch nicht mehr direkten Kontakt untereinander. Denn Befunde aus der Forschung zu sozialen Netzwerken zeigen, dass die Zusammensetzung des Freundes- und Bekanntenkreises sehr homogen ist. Das heißt, dass mittelalte Männer mit durchschnittlichem Einkommen haben häufiger Kontakt zu mittelalten Männer mit durchschnittlichem Einkommen. Weniger Einschränkungen bei der Kontaktaufnahme mit der Folge heterogenerer Netzwerke wird es geben, wenn die Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern ebenfalls der Mittelschicht angehörten. Es wird eine Ähnlichkeit des Lebensstils unterstellt, aus der heraus weniger Konflikte entstehen. Selbst bei sozial unähnlichen Gruppen werden mögliche Konflikte nicht besonders stark ausgeprägt sein, da es relativ wenig direkten Kontakt untereinander gibt.

Anders verhält es sich bei der Unterbringung in räumlich isolierten Lagen, wie ausgedienten Kasernen. Solche Standorte bieten viel Platz für Betten und helfen über den Winter, doch führt die räumliche Isolation mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit zur sozialen Separierung der dort Wohnenden. Zudem erhöht eine solche Art der Unterbringung, wenn auch zweifelsohne ökonomisch effizient, stigmatisierende Mythenbildung über die Lebensumstände und angeblicher Taten der dort Wohnenden. In der Abwägung erscheint eine Unterbringung in Wohngebieten der Mittelschicht vorteilhafter.

Eine weitere eher medial aufgestellte These ist die, der Überforderung von Nachbarschaften durch die Flüchtlingszuwanderung. Hier stellt sich die Frage, wer womit überfordert ist. Wenn damit gemeint ist, dass die länger ansässige Bevölkerung mit der Anwesenheit von Neuzuwanderern überfordert ist, dann erscheint das wenig plausibel, da eine Überforderung einer konkreten Anforderung bedarf, die erfüllt werden muss. Eine solche wird jedoch nicht gestellt. Zudem organisiert sich Nachbarschaft eher durch ein temporär konstruiertes Zugehörigkeitsgefühl und in Events wie Stadtteilfesten. Auch andersherum sind Flüchtlinge nicht unbedingt mit der Anwesenheit eher mittelschichtgeprägter Haushalte der bereits ansässigen Bevölkerung überfordert. Mittelschichtgebiete befördern demnach nicht zwangsläufig Integration, dazu bedarf es zusätzlicher Angebote die zur Begegnung der unterschiedlichen Gruppen in einem Stadtteil beitragen. Das bedeutet allerdings nicht, dass es bei freiwilligen Helfern oder Fachkräften aus dem Sozial- und Gesundheitswesen nicht  zu Überforderungen kommen kann, also all diejenigen, die tatsächlich mit Flüchtlingen in Kontakt sind. Einzig kann die lokale Infrastruktur, wie eine ausreichende Anzahl an Supermarktkassen oder Bussen, überfordert sein, was wiederum zu Einschränkungen und Konflikten führen kann. Dadurch sind aber Geflüchtete wie länger Ansässige gleichermaßen betroffen. Nur haben aber jene die bereits länger im Wohngebiet sind andere Vergleichszeiten.

Der Beitrag hat gezeigt, dass die Unterbringung von Flüchtlingen nicht automatisch Nachbarschaften überfordert, da, wie die Kontakthypothese herausstellt, Vorurteile durch alltägliche Wahrnehmung von Flüchtlingen abgebaut werden und bei ähnlichen Präferenzmustern es mittelfristig auch zu Kontakt zwischen der länger ansässigen Bevölkerung und Flüchtlingszuwanderern geben wird. Abschließend sei aber darauf hingewiesen, dass die entscheidenden Faktoren, einer zumindest mittelfristigen Integration, im Zugang zum Arbeitsmarkt sowie in der Sprachkompetenz der Zuwanderer liegen. Dieses Argument gilt übrigens ganz generell für Zuwanderer und nicht nur für Flüchtlinge.

Foto: Alexander Völkel von den Nordtstadtbloggern 

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