Segregation und Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt

Ein Gastbeitrag von Moritz Merten (Universität Kassel) 

Wie alle Märkte ist auch der Wohnungsmarkt durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Einem je nach Gemeinde unterschiedlich breit gefächertem Wohnungsangebot stehen die nachfragenden MieterInnen gegenüber. Gerade in Großstädten variiert dieses Angebot stark in Hinblick auf Ausstattung, Lage und Mietpreis. Auch die Bevölkerung ist dort von ihren Wohnansprüchen und ihren finanziellen Möglichkeiten meist sehr heterogen.

Das Wechselspiel aus Angebot und Nachfrage führt häufig dazu, dass sich verschiedene Einkommensschichten in bestimmten Stadtvierteln konzentrieren. So finden sich in Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus oder in unsanierten Altbaugebieten häufig besonders viele Haushalte mit geringem Einkommen. Da Menschen mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich häufig in den unteren Bevölkerungsschichten vertreten sind, leben in Stadtteilen mit günstigem Wohnraum meist viele Familien mit Migrationshintergrund. Diese ungleiche Verteilung von sozialen bzw. ethnischen Bevölkerungsgruppen im Stadtraum wird als soziale bzw. ethnische Segregation bezeichnet. (Farwick 2012; Häußermann und Siebel 2004)

Doch die unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten sind nur ein Faktor, der die Ungleichverteilung von Bevölkerungsgruppen auf den Wohnraum bestimmt. Vielfältige Lebenslagen und Lebensstile führen zu unterschiedlichen Präferenzen und Bedürfnissen. Familien brauchen größere Wohnungen als Paare oder Singles und bevorzugen häufig Wohnlagen in verkehrsberuhigten Gegenden mit Freiflächen zum Spielen für die Kinder. Diese finden sich oft am Stadtrand. Jungen Menschen, z. B. Studierenden, ist meist die räumliche Nähe zur Universität und zum Nachtleben wichtig. MigrantInnen wiederum wohnen teilweise bevorzugt in Stadtteilen mit Einrichtungen, die ihren kulturellen, gewerblichen, sozialen und religiösen Bedürfnissen entsprechen. Diese erleichtern ihnen das Ankommen und Zurechtfinden in Deutschland und können so die ihre gesellschaftliche Teilhabe fördern (Elwert 1982).

Zugleich sind MigrantInnen in ihrer Wohnortwahl aber auch durch Diskriminierung eingeschränkt. Ihnen wird der Zugang zu bestimmten Wohnungen teilweise durch sogenannte Gatekeeper, VermieterInnen und MitarbeiterInnen von Wohnungsbaugesellschaften, versperrt. Dies geschieht aufgrund von Vorurteilen gegenüber MigrantInnen. Ihnen wird häufig zugeschrieben, unzuverlässig, wenig pfleglich im Umgang mit Wohnungen und in ihrer Lebensweise störend für andere MieterInnen zu sein. Gerade in nachgefragten Wohnlagen wird befürchtet, dass durch migrantische BewohnerInnen zahlungskräftige MieterInnen aus der Mittelschicht abgeschreckt werden könnten. Die Diskriminierung betrifft natürlich nicht nur Menschen, die selbst migriert sind, sondern auch in Deutschland geborene und aufgewachsene Personen, bei denen aufgrund von Namen oder Aussehen von der Zugehörigkeit zu einer Migrantengruppe ausgegangen wird. Diese Ungleichbehandlung aufgrund der realen oder zugeschriebenen Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe wird als ethnische Diskriminierung bezeichnet. Werden Personen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen benachteiligt, wird von sozialer Diskriminierung gesprochen. Dies kann z. B. Arbeitslose oder Studierende betreffen. Auch diese werden teilweise aufgrund von Vorurteilen gegenüber ihrer Gruppe auf dem Wohnungsmarkt durch Gatekeeper diskriminiert werden.

Nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das umgangssprachlich auch als Antidiskriminierungsgesetz bezeichnet wird, ist eine solche Ungleichbehandlung verboten. Einen wegweisenden Fall gab es Anfang des Jahres in Berlin. Dort bekamen zwei Mietparteien mit türkischem Migrationshintergrund vom Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg Entschädigung zugesprochen. Nach einer ersten Mieterhöhung für alle Mietparteien in der Siedlung, hatten sie eine zweite Mieterhöhung bekommen, MieterInnen ohne Migrationshintergrund jedoch nicht. Viele MieterInnen sind sich jedoch nicht bewusst, dass sie die rechtliche Möglichkeit der Klage haben. Außerdem ist Diskriminierung durch VermieterInnen häufig schwer nachzuweisen.

Bisher gibt es in Deutschland nur wenig Forschung zum Thema Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt. Ein geeignetes Mittel zur Messung von Diskriminierung sind sogenannte Testing-Verfahren. Hierfür werden zwei WohnungsbewerberInnen erdacht, die sich in ihren Merkmalen wie Einkommen, Alter, Bildung usw. nicht unterscheiden. Allerdings lässt sich aufgrund der unterschiedlichen Namen bei der einen Person auf einen Migrationshintergrund schließen. Diese zwei fiktiven Personen bewerben sich im Rahmen der Untersuchung mit fast gleichklingenden Anschreiben auf reale Wohnungsanzeigen. Der Unterschied an positiven Rückmeldungen (Einladungen zum Besichtigungstermin) lassen dann eine Ungleichbehandlung erkennen. Erste Studien mit dieser und anderen Methoden zeigen, dass die Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt nicht unterschätzt werden darf. Aufgrund der zunehmend angespannten Wohnungsmärkte in vielen deutschen Großstädten dürfte das Thema weiter an Bedeutung gewinnen.

Weiterführende Links

Diskriminierung auf einem angespannten Wohnungsmarkt“ (Berliner Mieterecho)

Draußen vor der Tür. Exklusion auf dem Berliner Wohnungsmarkt“ (Christine Barwick, WZB-Mitteilungen, Heft 134 Dezember 2011)

Ethnische Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt“ (Forschungsprojekt an der Universität Konstanz)

Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt. Strategien zum Nachweis rassistischer Benachteiligungen“ (Expertise im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes)

Deutscher Name – halbe Miete? Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt“ (Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung, Berlin)

 

Literatur

Elwert, George (1982): Probleme der Ausländerintegration: Gesellschaftliche Integration durch Binnenintegration? In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 34 (4), 717–731.

Farwick, Andreas (2012): Segregation. In: Eckardt, Frank (Hrsg.), Handbuch Stadtsoziologie. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 381–419.

Häußermann, Hartmut und Siebel, Walter (2004): Stadtsoziologie: Eine Einführung. Frankfurt am Main: Campus.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s