Transnationale Orte

Eine der zentralen Erkenntnisse der Stadtforschung in den letzten Jahrzehnten ist, dass Orte nicht mehr ohne ihre Bewohner oder Nutzer gedacht werden sollen. Um die Verbindung zwischen Ort und Mensch zu betonen, hat sich der Begriff Sozialraum eingebürgert. Eine der Konsequenzen daraus ist, dass die Stadtteilzuschnitte eines Bewohners nicht unbedingt mit denen der amtlichen Statistik übereinstimmen müssen, mit denen u.a. Sozialraumanalysen berechnet werden. Ein Widerspruch, den die Stadtforschung seit Jahren aushalten muss.

Eine Erkenntnis der Migrationsforschung hingegen ist, dass Menschen zunehmend in Bezüge eingebunden sind, die nicht mehr lokal fixiert sind, sondern sich über Landesgrenzen hinweg erstrecken. Durch solch transnationale Lebensweisen werden Orte an denen Menschen leben durch Handlungen verbunden. In diesem Beitrag möchte ich die Frage diskutieren, ob es auch transnationale Orte bzw. Stadtteile gibt. Eine Verbindung zwischen der Raumperspektive und Transnationalisierung schafft Pries (2001), der Sozialräume als Konfiguration aus sozialen Praktiken, Artefakten und Symbolsystemen begreift, die sich über den geografischen Raum erstrecken. Demnach ist es für einen Menschen wichtig was anderswo passiert, auch wenn er z.B. in der Dortmunder Nordstadt wohnt.

Dass es Städte gibt, die eine globale Bedeutung haben, hat Saskia Sassen im Konzept der global cities herausgestellt. Ihre These geht davon aus, dass die Globalisierung, verstanden als zunehmende Verflechtung internationaler Produktionsprozesse, in nur wenigen Städten „produziert“ wird. Solche Städte sind z.B. New York oder London. Dort sind die internationalen Firmen ansässig, welche den Weltmarkt entscheidend bestimmen. Eine solche Perspektive nimmt weder einzelne Stadtteile, noch Menschen in den Fokus. Allerdings gibt sie uns schon einen Hinweis darauf, dass Orte durch Handlungen sozusagen internationalisiert werden können.

Bei Stadtteilen verhält es sich ähnlich. Wenn dort relativ viele Menschen in transnationale Bezüge eingebettet sind, dann kann auch ein Stadtteil zu einem transnationalen Ort werden. Anders als bei der global city sind es aber nicht die Unternehmen als treibende Kraft, sondern Handlungen von Bewohnergruppen im Stadtteil. Ankunftsgebiete sind ein gutes Beispiel solch transnationaler Sozialräume. Dort bestehen mit der Sockelbevölkerung transnationale Mittler sowie mit den lokalen Opportunitäten, z.B. für Remittance, die Voraussetzungen das Räume als transnational gedeutet werden können.

Der Bielefelder Migrationsforscher Thomas Faist (1998) weist darauf hin, dass die entstehen transnationaler Sozialräume ein Beiprodukt von Migration sind. Migranten ist es oftmals wichtig mit Menschen aus ihrem Herkunftsland in Kontakt zu sein und sie richten ihr Handeln auch nach Ereignissen in anderen Ländern aus. Auf diese Weise entstehen transnationale Lebensweisen, die sich über Etablierungsprozesse auch auf den Kontext Stadtteil übertragen.

Alles in allem kann davon ausgegangen werden, dass es nicht alleine transnationale Biografien gibt, sondern durch Handeln auch transnationale Orte. Die Stadt- und Migrationsforschung steht hier aber noch am Anfang und empirische Studien, welche die Konsequenzen aus einem vermehrten Auftreten von Transnationalisierung für einen Stadtteil und die dort Wohnenden untersuchen, stehen noch aus.

Literatur

Faist, Thomas. 1998. Transnational social spaces out of international migration: evolution, significance and future prospects. European Journal of Sociology 39: 213.

Pries, Ludger. 2001. New Transnational Social Spaces. In New Transnational Social Spaces. International migration and transnational companies in the early twenty-first century, Hrsg. Ludger Pries, 3–36. New York City: Routledge Taylor & Francis Group.

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