Soziale Mischung durch Flüchtlingsunterbringungen?

Dieser Beitrag führt die Diskussion um die Unterbringung von Flüchtlingen fort, die auf diesem Blog an anderer Stelle bereits begonnen wurde. Wie dort beschrieben, ist es für eine erfolgreiche Integration von Flüchtlingen und auch anderer Zuwanderer zielführend, dass sie in den Städten dezentral und vorzugsweise in Gebieten der Mittelschicht untergebracht werden. Doch welche Konzepte stehen hinter diesen Forderungen?

Dahinter steht der aus der Stadtforschung bekannte Begriff der „Sozialen Mischung“. Von Seiten der Stadtplanung wurde dieser Begriff geradezu zum Ideal erhoben, was mit dem Ziel verbunden ist, eine „richtige“ soziale Mischung in Nachbarschaften herbeizuführen. Demnach sollten in einem Gebiet beispielsweise nicht nur reiche oder nur arme Menschen wohnen, es sollten starke räumliche Konzentrationen von Migranten vermieden werden und auch einer demografisch homogenen Bewohnerstruktur (z. B. Überalterung) gilt es entgegen zu wirken. Bei der Entwicklung neuer Wohngebiete, aber auch im Umgang mit sozialen Brennpunkten wird von Kommunen häufig versucht, die soziale Mischung zu verbessern. In bestehenden Wohngebieten geschehen diese Versuche in der Regel über städtebauliche Instrumente. In homogen armen Gebieten bedeutet dies, dass durch z. B. hochpreisigen Neubau versucht wird einkommensstärkere Schichten im Gebiet anzusiedeln. Sanierungssatzungen, Verschönerungen des öffentlichen Raums oder auch das Programm „Soziale Stadt“ sind Instrumente, die eine kritisch zu hinterfragende soziale Wirkung erzielen. Alles in allem liegt diesem Agieren die Haltung zu Grunde, man könne mit Hilfe baulicher Maßnahmen die Lebensumstände von sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen verbessern. Nicht selten führt diese Aufwertung der baulichen Substanz einer Nachbarschaft zu einem immobilienwirtschaftlichen Prozess, die sich in steigenden Mieten und Eigentumspreisen äußert und letztendlich zu einer Verdrängung der alteneingesessenen Bewohner in andere Gebiete der Stadt führt. In der Regel handelt es sich dabei um Gebiete, die ähnlich oder noch stärker belastet sind. Nicht umsonst trägt ein Sammelband von Gary Bridge, Tim Butler und Loretta Lees, dass sich mit den Politiken und empirischen Befunden zur sozialen Mischung in Europa beschäftigt den Titel „Mixed Communities – Gentrification by Stealth?“.

Dem Ideal der sozialen Mischung liegt die Annahme über die Wirkung der Kontakthypothese zu Grunde. Diese besagt, dass Bewohner unterschiedliche Herkunft, unterschiedlichen Einkommens und auch unterschiedlichen Bildungsstandes voneinander lernen, wenn sie in räumlicher Nähe zueinander Wohnen. Im Gegensatz dazu steht die Konflikthypothesen, welche besagt, dass durch räumliche Nähe Konflikte entstehen und sich Vorurteile verhärten. Es sei dabei betont, dass keine der beiden Thesen bisher zweifelsfrei und allgemeingültig bestätigt wurde. Jedoch gilt unter bestimmten Randbedingungen eher die Kontakthypothesen, nämlich wenn der Kontakt „auf Augenhöhe“ stattfindet, wenn er normativ erwünscht ist und besonders dann, wenn die Gruppen zwar ethnisch heterogen, aber sozial homogen sind.

Eine Integration, die nicht nur im räumliche Sinne (nämliche soziale Mischung innerhalb einer Nachbarschaft zu erzeugen) sondern auch im sozialen Sinne erfolgreich ist (nämlich das die Kontakthypothese gilt), erfordert mehr als nur die gleiche Verteilung von z. B. Flüchtlingen über eine Stadt. Erstens sollte innerhalb der Nachbarschaft intakte soziale Netzwerke und Strukturen vorhanden sein, welche sich beispielsweise in Form von Vereinen oder Nachbarschaftsinitiativen äußern. Diese müssen darüber hinaus gewillt und in der Lage sein, die neuen Bewohner in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. Ein Beispiel können Sportvereine oder Urban Gardening-Initaitven sein. Insbesondere die integrierende Funktion von Sport über sprachliche Barrieren hinweg wurde bereits aufgegriffen. Zweiten müssen auch die räumlichen Bedingungen für spontane Begegnungen vorhanden sein. D. h. in der Nachbarschaft sollten öffentliche Plätze oder Parks als Orte der zwanglosen Begegnung existieren. Auch Cafés, Bäckereien oder Kioske können diese gemeinschaftsstiftende Funktion erfüllen („third places“).

Im Ergebnis bedeutet dies, das Flüchtlinge eine höhere Chance auf erfolgreiche Integration haben, wenn sie in Nachbarschaften mit funktionierenden sozialen Strukturen und ausreichend öffentlichen und halb-öffentlichen Begegnungsräumen untergebracht werden. Auf keinen Fall sollten neue Wohngebiete am Stadtrand errichtet werden, welche nur der Unterbringung der Flüchtlinge dienen. Die dort angesiedelte soziale und ethnische Homogenität kann unter den Bedingungen zunehmender Perspektivlosigkeit der Bewohner bei mangelhafter Integration in den Arbeitsmarkt schnell in eine Abwärtsspirale in Gang setzen und neue soziale Brennpunkte erzeugen. Durch die Unterbringung der Flüchtlinge in sozial homogenen Gebieten besteht die Chance eine heterogenere Mischung zu erreichen. Gleichzeitig sollten Kommunen dabei nicht nur auf die Bereitstellung der Unterbringung an sich achten, sondern auch Hilfestellung bei der Integration in die sozialen Strukturen der Nachbarschaft leisten. Dies kann z. B. über eine zusätzliche zielgerichtete Förderung des lokalen Vereinswesens oder ein Quartiersmanagement geschehen.

Weiterführende Literatur

Bridge et al. (2012): Mixed Communities. Gentrification by Stealth?

Dangschat, Jens (2014): Soziale Ungleichheit und der (städtische) Raum. In: Berger et al.: Urbane Ungleichheiten. Neue Entwicklungen zwischen Zentrum und Peripherie.

Holm, Andrej (2009): Mythos Soziale Mischung.

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2 Gedanken zu “Soziale Mischung durch Flüchtlingsunterbringungen?

  1. Alles richtig. Doch mache ich mir nichts vor: Die Hipster in den Szenequartieren haben kein Problem damit, Lippenbekenntnisse abzugeben; wird es jedoch konkret, üben sie sich in subtiler Abschottung. Und noch etwas: einkommensschwache Menschen sind ja aus Wohnquartieren, die jetzt von “der Szene“ besiedelt werden, systematisch hinausgedrängt worden. Um diese Gruppe kümmert sich niemand.

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