Feldforschung in der Stadtforschung

In der soziologischen Stadtforschung ist das Vorgehen sog. Feldforschung schon seit ihrem Beginn üblich. Das zu erforschende „Feld“ kann z. B. ein Stadtteil, eine Stadt, eine bestimmte Gruppe, ein Milieu, eine Subkultur oder ein Ort sein. Im Rahmen dieses Beitrages werde ich einen kurzen Überblick geben, was Feldforschung in der Stadtforschung sein kann und welche Vorraussetzungen gegeben sein müssen.

Feldforschung ist erst einmal nichts anderes, als das man sich für eine gegebene Zeit in einem gegebenen Kontext (z.B. Stadtteil) aufhält um eben dort sozialwissenschaftliche Daten zu sammeln (z.B. Beobachtungen). Weit verbreitet ist dieser Zugang beispielsweise in der Ethnologie. Anders als bei Laborexperimenten, Survey-Analysen oder konzeptionellen Arbeiten geht man also „raus“ und studiert soziale Gegebenheiten dort, wo sie stattfinden. Es ist also mehr eine Vorgehensweise als eine Methode. Selbstredend ist dafür eine Forschungsfrage notwendig, die es nötig macht „ins Feld“ zu gehen. In einem Projekt wollte ich zum Beispiel besser verstehen, wie sozial segregierte Wohngebiete die Normen ihrer Bewohner beeinflussen oder in einem anderen wie Orte den Ausschluss von Geflüchteten begünstigen. Für solche Fragestellungen ist es sinnvoll vor Ort zu beobachten und Interviews zu führen, aber auch Dokumente (z. B. Zeitungsartikel) zu sammeln, die nicht online verfügbar sind. Kurzum: der Forschungsgegenstand muss besser im Feld zu untersuchen sein, als außerhalb. Das kann auch eine face-to-face Umfrage mittels eines standardisierten Erhebungsinstruments (Fragebogen) beinhalten.

Während einer Feldforschungsphase können unterschiedliche Erhebungsmethoden angewandt werden. Beispiele sind Interviews oder Beobachtungen, aber auch stärker intervenierende Herangehensweisen, wie es Jahoda und Kollegen in den 1930er Jahren in Marienthal getan haben, indem Sie Kleiderspenden gesammelt oder Beratungen angeboten haben. Möglich sind auch Feldexperimente, wie das Auslegen von Briefen an öffentlichen Plätzen (lost letter) und die Auswertung der Rücksendehäufigkeit. Sowohl die Auswahl der Methoden als auch die Art der erhobenen Daten sollte dabei stets auf die Forschungsfragen oder ggf. auch auf die theoretischen Vorkenntnisse rückbezogen werden können. Dies gilt auch für die Fallauswahl, d. h. die herangezogenen Dokumente und/oder InterviewpartnerInnen. Gleiches gilt für die Produktion eigener Dokumente, wie Videos oder Fotos, im Feld. Ohne eine sorgfältige Auswahl an Daten kann der zusammengestellte Datenkorpus schnell ein schier unübersichtliches Ausmaß gewinnen und den Blick auf mögliche Ergebnisse verstellen, die zur Beantwortung der Forschungsfrage dienen. Das macht es auch in der Feldforschung notwendig fokussiert auf den Interessensgegenstand hinzuarbeiten, ohne dabei aber ein Maß der Offenheit für die Vorgänge im Feld zu verlieren.

Bei linearen Forschungsprozessen erfolgt die Aufbereitung und Auswertung des Materials nach der Feldforschung. Das hat den Vorteil, dass während der Feldforschung das Meterial eigens gesammelt wird, der Nachteil ist, dass man mögliche Lücken im Material übersieht und nicht mehr nachsteuern kann. Ob es ausreicht, das Material im Nachhinein aufzubereiten, hängt auch mit der vorbereitenden Überlegungen zur Erhebung an. Im Grunde gibt es eine Spannweite zwischen der komplett offenen Auswertung (z. B. theoretisches Kodieren nach der Grounded Theory) bis hin zu einer standardisierten Auswertung zur Untersuchung vorher formulierter Zusammenhänge, die im Feld überprüft wurden.

Auch die Auswahl der Auswertungsmethoden sollte dabei stets unter Berücksichtigung der Forschungsfrage und des Forschungsgegenstands getroffen werden. Bislang habe ich die Daten aus meinem Korpus je Feldforschung zumeist nach Datentyp ausgewertet und allein die Ergebnisse aufeinander bezogen. Das hat den Vorteil, dass ich nicht unterschiedliche Datentypen in der Auswertung miteinander „vermischt“ habe, die jeweils eigene Informationsträger waren. Ein Beispiel dafür sind Interviewaussagen zu spezifischen öffentlichen Plätzen und Notizen aus teilnehmenden Beobachtungen was dort passiert ist. Das eine sind Daten des subjektiven Erlebens von Interviewpartner, das andere sind spezifische Erinnerungen von mir, was zu einer gegebenen Zeit an diesen Orten passiert ist. Das Bild der Orte kann zwar miteinander verglichen werden, aber nicht unbedingt während der Auswertung. Durch die unterschiedlichen Daten und Methoden ergibt sich allerdings ein detailliertes Bild einer sozialen Situation, welche es ermöglicht, soziale Prozesse im Kontext besser zu verstehen, zu erklären und ggf. auch (mit Vorsicht!) zu verallgemeinern. Ein anderer Punkt ist die Dauer einer Feldforschungsphase. Diese kann sich über Jahre erstrecken, doch sind solche Vorhaben, aufgrund eines hoher Finanzierungskosten, und  kaum zu realisieren, weswegen auch kürzere Zeitabschnitte oder unterbrochene Phasen ihre Berechtigung haben. Eine allgemein verbindliche Antwort auf die Mindest- oder Höchstdauer einer Feldforschungsphase sollte in erster Linie abhängig vom Erkenntnisgegenstand sein und damit der Beantwortung der Forschungsfrage dienen.

Alles in allem kann die Strategie der Feldforschung ein hilfreicher Ansatz sein, um ein Gemeinwesen zu untersuchen und soziale Mechanismen und Wirkungsweisen offenzulegen. Selbstverständlich konnte der Beitrag nur einen Überblick geben, was Feldforschung beinhaltet und welche Methoden dazugehören. Sollte einem die Wahl der Strategie geeignet erscheinen, um die eigene Forschungsfrage zu beantworten, bedarf es allerdings profunder Methodenkenntnisse und die Bereitschaft sich während der Feldforschung voll und ganz dem Forschungsgegenstand zu widmen.

Weiterführend zur sozialwissenschaftlichen Feldforschung:

http://www.ztg.tu-berlin.de/download/legewie/Dokumente/Vorlesung_2.pdf

http://qsf.e-learning.imb-uni-augsburg.de/node/536

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