Gentrification und der Verlust von Heimat

In einer vor kurzem veröffentlichen Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach wurden Personen zu ihrem Verständnis von Heimat befragt. Ein Großteil der Befragten assoziierte mit Heimat Kindheit, Familie, Freunde und Geborgenheit. 78 Prozent der Befragten nennen als Gefahr für Heimat, „dass viele alteingesessene Geschäfte schließen und dafür die immer gleichen Filialen großer Einkaufsketten aufmachen“ (Beitrag zur Studie im Deutschlandfunk Kultur). Wenngleich die Studie online nicht verfügbar ist, möchte ich diesen Befund doch zum Anlass nehmen und Zusammenhänge zur Gentrification erläutern.

Gerade in innerstädtischen und innenstadtnahen Gebieten mit Wohn- und Gewerbenutzung existiert häufig eine kleinteilige Mischung verschiedener Geschäfte, deren Angebot sich zunächst am alltäglichen Bedarf der Wohnbevölkerung des jeweiligen Gebiets orientiert. Darunter sind z.B. Bäcker, Gemüseläden, Kioske, Friseursalons oder Buchläden. Vielerorts sind diese alteingesessen und werden durch den Inhaber geführt, gehören also keiner größeren Kette an.

Durch den Zuzug statushöhere Gruppen (höhere Bildung, höhere Einkommen) und den Austausch bzw. die Verdrängung statusniedrigere BewohnerInnen in der Nachbarschaft verändern sich Kaufkraft und Konsumgewohnheiten der Wohnbevölkerung. Neben den damit einhergehenden Investitionen in Wohnraum und steigenden Mieten können auch Veränderungen der Gewerbestruktur des Gebiets beobachtet werden, die sich auf die Nachfrage der neuen, kaufkräftigeren BewohnerInnen einstellt.

Ähnliche wie die Wohnungen im Gebiet sind auch die Gewerbeeinheiten von Mietsteigerungen und Sanierungen im Zuge gestiegener Gewinnerwartungen der EigentümerInnen betroffen. Anders als der Austausch der Wohnbevölkerung kann sich der gewerbliche Wandel, also der Austausch der Geschäfte, sehr schnell vollziehen, da GewerbemieterInnen nicht in dem Maße vor Kündigungen geschützt sind, wie es beispielsweise auf WohnungsmieterInnen zutrifft. Dies führt dazu, dass unrentable gewerbliche Nutzungen schließen müssen, wenn es den InhaberInnen nicht gelingt ihr Geschäftsmodell an die gestiegenen Mieterwartungen des Eigentümers anzupassen.

Der gewerbliche Wandel kann sich mitunter noch schneller vollziehen, wenn die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen nicht allein durch die ansässige Wohnbevölkerung zustande kommt, sondern auch TouristInnen aus anderen Stadtteilen, Städten oder gar Ländern in das Gebiet kommen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn sich Gewerbecluster gebildet haben und dadurch ein bestimmtes Image aufgebaut wurde (vgl. Üblacker 2018: 164ff).

Die Folgen dieses Prozesses, der auch unter dem Stichwort Retail-Gentrification diskutiert wird, sind u.a.

  • eine stetige Verteuerung der in der Nachbarschaft angebotenen Waren und Dienstleistungen,
  • die Verdrängung von alteingesessenen Geschäften,
  • Clusterbildung,
  • Tourismus und
  • eine deutliche Veränderung des Straßenbildes.

Für die alteingesessene Bevölkerung gehen Treffpunkte verloren, die identitätsstiftend wirken und ein Zugehörigkeitsgefühl zur Nachbarschaft fördern. In der oben genannten Studie wird dies mit dem Verlust von Heimat umschrieben. Dementsprechend symbol- und konfliktträchtig ist es, wenn einzelne alteingesessene Gewerbe aufgrund von Mieterhöhungen schließen müssen. Ein prominentes Beispiel hierfür ist der Gemüseladen BizimBakal im Berliner Wrangelkiez, um dessen drohende Verdrängung sich eine Bürgerinitiative formierte und Proteste organisierte.

Wie der soziale Wandel eines Gebiets unterliegt auch der gewerbliche Wandel übergeordneten ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, von denen die Geschäftsmodelle einiger Branchen stärker betroffen sind als andere. So geraten z.B. durch den kontinuierlichen Ausbau des Online-Handels viele Geschäftsmodelle der stationären Gewerbe unter Druck. Letztlich ist das Angebot bestimmter Produkte und Dienstleistungen auch durch Lebensstile, Konsumtrends und Moden geprägt, die sich im Aufkommen und Verschwinden (Wo gibt es eigentlich noch Bubble-Tea?) bestimmter Gewerbe im städtischen Raum niederschlagen.

 

Weiterführende Literatur

Zukin, S. , Trujillo, V. , Frase, P. , Jackson, D. , Recuber, T. and Walker, A. (2009): New Retail Capital and Neighborhood Change: Boutiques and Gentrification in New York City. City & Community, 8: 47-64. doi:10.1111/j.1540-6040.2009.01269.x

Üblacker, Jan (2018): Gentrifizierungsforschung in Deutschland. Eine systematische Forschungssynthese der empirischen Befunde zur Aufwertung von Wohngebieten. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich UniPress Ltd.

 

 

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