Gentrifizierung messen

In den wissenschaftlichen Debatten haftet dem Begriff Gentrification der Ruf eines chaotischen Konzepts an. Unterschiedliche Definitionen, vielfältige Ursachen und jeweils lokal spezifische Erscheinungsformen der Aufwertung lassen den Begriff unscharf wirken und erschweren eine systematische Übersicht über die Befundlage. Diesen Eindruck teilten einige der führenden Gentrification-ForscherInnen in Deutschland, als sie sich im November 2012 in der Thyssen-Stiftung trafen und beschlossen, ein Projekt zum Review der Befundlage in Deutschland zu beantragen. Die Ergebnisse dieses Projekts wurden im März 2018 publiziert.

Wie bereits in einem früheren Artikel erläutert, kann Gentrification als ein mehrdimensionaler Prozess des Wandels von Wohngebieten verstanden werden, der soziale, bauliche, gewerbliche und symbolische Aspekte betrifft. Wichtig ist dabei, dass nicht alle Indikatoren respektive Dimensionen gleichermaßen beobachtet werden müssen, damit ein Gentrification-Befund vorliegt. Entscheidend für einen Befund ist vielmehr, ob in einem festgelegtem Zeitraum innerhalb eines festgelegten Gebietes eine statusniedrigere BewohnerInnengruppe durch eine statushöhere BewohnerInnengruppe ausgetauscht wurde, d.h.:

  • Der Austausch kann freiwillig (z.B. durch Fortzug einer statusniedrigeren Gruppe) oder unfreiwillig (z.B. Verdrängung aufgrund von Mieterhöhungen) geschehen.
  • Die zuziehenden BewohnerInnen weisen einen höheren Status (höher Bildung, höheres Einkommen) als die Fortgezogenen auf.

Die Definition von Gentrification und die Messung des sozialen Wandels wird auch an anderer Stelle detailliert diskutiert. Dennoch ist es sinnvoll, auch die übrigen Dimensionen in die Beobachtung einzubeziehen, um erforschen zu können, ob diese den Bevölkerungsaustausch verursachen, begleiten oder eine Folge sind. Die nachfolgende Tabelle stellt die in der deutschen Forschung verwendeten Indikatoren zur Messung der verschiedenen Dimensionen dar.

DimensionenGentrification
Gentrification: Dimensionen und Indikatoren

Soziale Dimension: Die Indikatoren der sozialen Dimension werden z.B. durch amtliche Statistiken der Kommune oder durch BewohnerInnenbefragungen erhoben. Von zentraler Bedeutung sind hier die Fluktuation, also der Zu- und Fortzug von BewohnerInnen, und die aufgrund dieses BewohnerInnenaustauschs einsetzende Veränderung des sozioökonomischen Status.

Bauliche Dimension: Die bauliche Dimension beschreibt physische und immobilienwirtschaftliche Aufwertungen der Wohngebäude. Sichtbare Veränderungen wie z.B. Fassadenerneuerung sind in der Regel auf nicht-sichtbare Investitionsvorgänge zurückzuführen sind. Die Eigentümerstrukturen sind ein zentraler Aspekt dieser Dimension. In vielen Gebieten kann zudem eine Aufwertung der öffentlichen Räume beobachtet werden, die sowohl durch die kommunale Investitionen als auch durch die  BewohnerInnen (z.B. Anlegen kleiner Beete am Wegrand) erfolgen kann.

Gewerbliche Dimension: Die Veränderungen der gewerblichen Dimension können an Gewerbemieten, den angebotenen Waren und Dienstleistungen oder an der Professionalisierung der InhaberInnen gemessen werden. Begleiterscheinungen einer solchen Professionalisierung sind in der Regel eine Steigerung der Reichweite und eine Spezialisierung der angebotenen Waren bzw. Dienstleistungen. Typischerweise bilden sich in den Gebieten bestimmte „Gewerbe-Cluster“ heraus, die wiederum ein spezifisches Milieu adressieren.

Symbolische Dimension: Die symbolische Dimension unterscheidet sich von den anderen Dimensionen dahingehend, dass sie keine „objektiven“ Veränderungen im Wohngebiet beschreibt, sondern den Wandel der Art und Weise abbildet, wie über ein Gebiet kommuniziert wird. Diese Kommunikation kann in Zeitungen, Online-Medien, Blogs, zwischen BewohnerInnen des Gebiets oder unter Außenstehenden stattfinden. Entsprechend beschreiben die Indikatoren eine Reihe von sprachlichen Mitteln, die über Medien- und Inhaltsanalysen z.B. aus Gesprächen mit BewohnerInnen über das Gebiet, aus Zeitungen oder Blogs extrahiert werden.

Detaillierte Erläuterungen zu den Befunden der Indikatoren, den Methoden um sie zu erheben und den dahinter liegenden theoretischen Überlegungen sind in „Gentrifizierungsforschung in Deutschland“ (2018) zu finden.

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