Nachbarschaft. Kontinuität und Wandel

Vor dem Hintergrund der sich wandelnden gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich auch die Nachbarschaftsbeziehungen stark verändert. Das Leben nebeneinander wird zunehmend von Distanz und Anonymität geprägt. Inwiefern Nachbarschaft heute anders ist als noch vor einigen Jahrzehnten, und warum dies vielleicht sogar eine zwingende Notwendigkeit ist, möchte ich im folgenden Beitrag diskutieren.

Von November 2017 bis März 2018 organisierte das Vögele-Kulturzentrum im schweizerischen Pfäffikon bei Zürich eine Ausstellung zum Thema Nachbarschaft. Untertitel war: Der tägliche Tanz um Nähe und Distanz. Dieses Verhältnis in etwa umschreibt seit über hundert Jahren die Diskussion über Nachbarschaft, Urbanität und die, normativ gesehen, gute Stadt.

Doch um was geht es genau? Es geht um Erwartungen an das Zusammenleben, die Begegnungen, aber auch die Möglichkeitsräume des Zusammenlebens in einer Stadt. Hier finden sich eine Reihe von Widersprüchen, die das Debattenfeld prägen. Einerseits wird nachbarschaftliche Gemeinschaft gewollt und erhofft, aber sie darf nicht „dörflich“ (was immer das genau sein soll) sein. Andererseits darf die Freiheit, welche die Anonymität einer Stadt mit sich bringt, nicht verletzt werden, es sei denn bei der nachbarschaftlichen Beaufsichtigung von Kindern, dem Aufstehen gegen Kriminalität oder dem Engagement gegen schnell steigende oder bereits zu hohe Mieten. Natürlich lassen sich noch weitere Beispiele finden, aber es dürfte klar geworden sein, dass es offenbar überlappende sowie sich gegenseitig ausschließende Forderungen an Nachbarschaft gibt – ob im sozialen Zusammenleben, der Nutzung des öffentlichen Raums oder der Mischung an Wohn- und Geschäftsbereichen. Genau diese Spannungsverhältnisse erzeugen Urbanität.

Eine Kernbeobachtung ist, dass Menschen sich unter solch urbanen Umständen distanziert zueinander verhalten und sich einander bewusst als Fremde oder gar Reisende begegnen, es sei denn, sie verfolgen zur gleichen Zeit am selben Ort wahrnehmbar gemeinsame Interessen. Das hat schon Georg Simmel im Berlin des frühen 20. Jahrhunderts festgehalten. Neuere Ansätze, die über das Distanzverhältnis nachdenken, liegen nicht mehr in der alleinigen Betrachtung interpersonaler Beziehungen, sondern in den Erwartungen an den Raum, gedacht als soziale Einheit, in dem sie stattfinden und die Art und Weise, wie er genutzt wird. Hier finden sich mehrere kompatible Konzepte, wie die Berücksichtigung der biografischen Verwurzelung des Einzelnen im Raum oder auch die Unterscheidung, ob der Raum konsumiert wird, wie es z. B. Touristen oder ressourcenstarke Haushalte tun, oder aktiv gestaltet wird. Zu Letztgenanntem neigen v. a. Familien, da von ihm das eigene Wohlergehen abhängig ist. Demnach geht es beim täglichen Tanz um Nähe und Distanz um mehr als nur die Frage, wer wo wohnt und miteinander spricht, sondern welche Gestaltungserwartungen an eine Nachbarschaft formuliert und mit welchen Kooperationen durchgesetzt werden. Das klingt konfliktbehaftet und das ist es häufig auch. Allerdings ist damit nicht alleine der „klassische“ Nachbarschaftsstreit über Lärmbelästigung gemeint, sondern auch die Regeln des Zusammenlebens unter Nachbarn gehören dazu bzw. wer an dieser Nachbarschaft teilhaben darf.

Und dennoch sind neben den normativen Homogenitäts- auch Heterogenitätswünsche nachbarschaftlicher Kontakte fester Bestandteil, aber solche sollen eher kontrolliert sein. Kreativität und urbanes Charisma werden geschätzt; jedoch nur dort, wo man es zu schätzen wissen möchte. Das ist unabhängig davon, ob man in einer Reihenhaussiedlung in der Vorstadt oder einem Szenebezirk einer Großstadt lebt. Gleiches gilt für die Begegnung mit den Nachbarn, die man im Treppenhaus und auf dem Nachbarschaftsfest grüßt und mit denen man gegebenenfalls ein paar Worte wechselt. Ob es diese Nachbarn letztendlich auch über die Türschwelle schaffen, darüber will man die Hoheit behalten. Die jeweiligen Selektionsprozesse nachbarschaftlicher Kontakte sind aufgegliedert in eher passive und tendenziell aktive. Passiv sind solche, die an geteilte Lebensumstände gekoppelt sind, wie sie beispielsweise Studierende, Ältere oder junge Familien jeweils teilen. Bleiben wir beim Beispiel der Familien mit Kindern: Diese haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, mit anderen Haushalten mit Kindern im Nahumfeld in positiv besetzten Besuchs- und Unterstützungskontakt zu kommen, als zwei sehr unterschiedliche Haushalte. Die Lebensumstände sind damit eher passiver Natur und moderieren den Kontakt. Doch auch die andere Form der aktiven Auswahl nachbarschaftlicher Kontakte, als Ausdruck der Sehnsucht nach Heimat, erfährt wieder stärkere Aufmerksamkeit. Denn die Digitalisierung auch der sozialen Welt, und nicht alleine der Arbeitswelt, macht es möglich, dass Menschen sich online einander vorstellen, aber ob es zu Kommunikation oder persönlichem Kontakt kommt, ist noch nicht garantiert. Für das nachbarschaftliche Zusammenleben ist hier in Deutschland vor allem nebenan.de zu nennen, eine digitale Plattform, die mittlerweile mehr als eine Mio. Nutzerinnen und Nutzer hat. Nach der Anmeldung, zu der auch eine Identitätsprüfung gehört, erscheint man mit Klarnamen in seiner Nachbarschaft, die geografisch festgelegt ist. In der Timeline werden alle Beiträge aus der eigenen und den direkt angrenzenden Nachbarschaften angezeigt. So kann man das digitalen Nachbarschaftsgeflüster verfolgen, an ihm teilnehmen und sich aussuchen, ob man mit einzelnen Nachbarn näher in Kontakt kommen möchte. Durch beide Formen der Kontaktselektion, ob nun passiv oder aktiv, werden die eigenen lokalen Bezüge gestaltet, was sowohl den Wunsch nach Homogenität als auch nach Heterogenität nachbarschaftlicher Kontakte erfüllt.

Nachbarschaft, so meine These, unterliegt also einer permanenten Dynamik, die sich aus immer neu formulierten gegenseitigen Erwartungen, dem Wechsel von Lebensphasen, lokalen Regeln und Kontaktselektionen ergibt. Sie ist damit auch immer Ausdruck sozialer Realität, die qua Definition, nicht „sterben“ kann, auch wenn der Tod der Nachbarschaft häufig beschworen wird, wobei der Referenzpunkt unklar ist. Natürlich sind Nachbarschaftsbeziehungen heute nicht mehr durch essenzielle Not, Verpflichtungen zur gegenseitigen Erntehilfe, verwandtschaftliche Beziehungen oder gemeinsame Arbeitserfahrungen bestimmt, schlichtweg weil sich die gesellschaftlichen Verhältnisse geändert haben. Nachbarschaft ist demnach nicht nur anders, als sie noch vor Jahrzehnten war, sondern muss es sogar zwangsläufig sein. Gleiches gilt für die Nachbarschaft von morgen, die ebenfalls andere Prägungen haben wird, als wir sie heute kennen. Das bedeutet aber nicht ein Mehr oder Weniger an Distanz, Anonymität, Vertrautheit oder Kommunikation unter Nachbarn, sondern eben eine andere Gewichtung und Ausgestaltung als heute. Allerdings gibt es bei allem Wandel eine Kontinuität, auf die Verlass ist: Nachbarn hat man.

Der Text ist eine leicht überarbeitete Version meines Beitrags im Polis Magazin 01/2019