Gentrification in Deutschland: Befundlage und Forschungsbedarf

Die deutsche Gentrification-Forschung setzt sich aus einer Vielzahl bisher relativ unverbundener Einzelfalluntersuchungen zusammen, die häufig nur einen empirischen Querschnitt im jeweiligen Untersuchungsgebiet abbilden. Längsschnittuntersuchungen finden gar nicht oder in vergleichsweise kurzen Zeiträumen statt. Dieser Mangel an verfügbaren kleinräumigen Individualdaten im Zeitverlauf gerät insbesondere im Hinblick auf Theoriegenese und kausale Erklärungen für den Wandel von Wohngebieten zum Problem. Angesichts der Tatsache, dass eine Vielzahl von Publikationen zur Gentrification in Deutschland nach wie vor aus Qualifikationsarbeiten entstehen, stellte sich zudem die Fragen nach den theoretischen, methodischen und empirischen Beiträgen dieser bisher nicht berücksichtigten Grauen Literatur. Vor diesem Hintergrund bestand das Ziel der Arbeit darin, die empirischen Befunde der unpublizierten Literatur zur Gentrification in Deutschland seit 1980 aufzubereiten und an die Debatte anzubinden.

Im Rahmen einer systematischen Forschungssynthese werden im ersten Schritt mehr als 300 seit 1980 entstandenen Qualifikationsarbeiten recherchiert, selektiert und davon 70 detailliert ausgewertet. Es wurden Informationen zu Theorien und Konzepten, Methoden und Daten, untersuchten Gebieten und empirischen Befunden extrahiert. Die Synthese und Anbindung an die publizierte Forschung erfolgen im zweiten Schritt entlang der vier Dimensionen der Gentrification und ihrer jeweiligen Indikatoren: sozial, baulich, gewerblich und symbolisch. Die zusammenfassende Betrachtung der sozialen Dimension verdeutlicht die Notwendigkeit alternativer Annahmen zum Strukturwandel auf gesellschaftlicher und städtischer Ebene. Die Überführung der dokumentierten Indikatoren in ein Mehrebenenmodell des Wandels von Wohngebieten kann die Erklärungskraft solcher alternativen Konzepte steigern. Aus der Synthese der baulichen Dimension gehen die Eigentümertypen und -strukturen eines Gebiets als wichtigste Bedingungen für Mietveränderungen, Umwandlungen und Bevölkerungsfluktuation hervor. Für den gewerblichen Wandel wird ein Phasenmodell aufgestellt, das Bezüge zu sozialen und baulichen Entwicklungen herstellt. Außerdem wird aus den empirischen Befunden ein Konzept der symbolischen Dimension abgeleitet, dass Mittel raumbezogener Kommunikation zur Messung des symbolischen Wandels enthält.

Die Arbeit schließt mit sechs zentralen Aussagen.

  1. Gentrification findet nicht nur in großstädtischen Räumen statt. Die Qualifikationsarbeiten dokumentieren eine Vielzahl von Aufwertungsprozessen in Mittelstädten und im ländlichen Raum.
  2. Gentrification ist ein mehrdimensionales Phänomen, dessen definitorischer Kern der Austausch der Bevölkerung ist. Immobilienwirtschaftliche, gewerbliche und symbolische Aspekte können sowohl als Ursache, Folge oder Begleiterscheinung auftreten. Der genaue Zusammenhang zwischen den Dimensionen sollte zukünftig stärker spezifiziert werden, um zu kausalen Erklärungen für den Wandel von Wohngebieten zu gelangen.
  3. Die vermeintlichen Erscheinungsformen der Gentrification sind ein Produkt sich diversifizierender konzeptioneller und methodischer
  4. Die Gentrification-Forschung in Deutschland ist geprägt durch deskriptive Einzelfalluntersuchungen, deren Methoden und empirische Befunde hinter den in der Theorie formulierten Ansprüchen zurückbleiben. Notwendig sind Vergleiche sowohl zwischen mehreren Gebieten als auch über verschiedene analytische Ebenen (z.B. Teilgebiet-Stadt-Region) und Zeitpunkte hinweg.
  5. Qualifikationsarbeiten bilden eine wertvolle Ressource bei der Erforschung raumbezogener Phänomene. Sie erlauben die Untersuchung von Teilfragestellungen größerer Projekte oder von Verdachtsgebieten und greifen dabei auch auf unkonventionelle Theorien, Methoden und Daten zurück. Sie sollten archiviert und regelmäßig ausgewertet werden, um die Ausprägung und Ausbreitung von Gentrification besser einschätzen zu können.
  6. Es konnte gezeigt werden, dass systematische Forschungssynthesen auch in methodisch heterogenen Forschungsfeldern einen deutlichen Mehrwert erbringen können. Sie erzeugen einen gesicherten Wissensvorrat und haben das Potenzial, strukturierend auf wissenschaftliche und öffentliche Diskurse zu wirken.

Der Beitrag ist eine Kurzzusammenfassung der Ergebnisse aus Üblacker, Jan (2018): Gentrifizierungsforschung in Deutschland. Eine systematische Forschungssynthese der Befunde zur Aufwertung von Wohngebieten.