Die vier Formen der Verdrängung

Die deutsche Gentrification-Forschung hat sich über lange Zeit intensiv mit Fragen der Messung von Gentrification und der Analyse der verschiedenen Trägergruppen (beispielhaft: Pioniere, Gentrifier) beschäftigt. Während sich die Betrachtung der Aufwertungsprozesse stetig weiterentwickelte und in verschiedene Dimensionen  ausdifferenzierte, wurde die Untersuchung von Ursachen und Folgen aufwertungsbedingter Verdrängung lange Zeit vernachlässigt.

Ursächlich hierfür waren u.a. methodische Probleme. So sind die Verdrängten typischerweise nicht mehr im Untersuchungsgebiet anzutreffen und folglich nur schwer für Befragungen zu erreichen. Wanderungsanalysen auf Basis amtlicher Daten zeigen zwar das Ausmaß innerstädtischer Umzugsbewegungen, enthalten jedoch keine Informationen über den sozialen Status oder die Motive der wandernden Bevölkerung. Qualitative Forschungen hingegen schildern eindrucksvoll die wechselseitigen Wahrnehmungen der unterschiedlichen Statusgruppen, ein sich veränderndes „Wohngefühl“ und individuelle Strategien im Umgang mit dem drohenden Wohnungsverlust, können jedoch keine Aussagen über den Umfang der in einem Gebiet betroffenen Bevölkerung machen.

Auch in den internationalen Debatten wurde aufgrund mangelnder (quantitativer) Befunde lange Zeit davon ausgegangen, dass Verdrängungsprozessen eine geringe Bedeutung zukommt (Freemann/Braconi 2004). Mitte der 2000er Jahre nahm die Kritik an einer einseitig „positiven“ Auslegung von Gentrification zu (Slater 2005; 2009) und es folgten eine Reihe von Forschungen, denen ein konzeptionell erweiterter Verdrängungsbegriff nach Marcuse zu Grunde liegt (z.B. Cole 2013; Shaw/Hagemans 2015; Valli 2015). Dieser unterschied bereits 1985 zwischen vier Formen der Verdrängung (Marcuse 1985):

  1. direkte Verdrängung aus der Wohneinheit (direct last-resident displacement)
  2. Verdrängung mehrerer Haushalte in Folge aus derselben Wohneinheit (direct chain displacement)
  3. ausschließende Verdrängung (exclusionary displacement)
  4. Verdrängungsdruck (displacement pressure)

Bei den ersten beiden Formen unterscheidet Marcuse noch einmal zusätzlich zwischen physischer (Fortzug aufgrund von z.B. Baulärm oder defekter/abgestellter Heizung) und ökonomischer (z.B. Fortzug aufgrund von Mieterhöhung) Verdrängung. Von ausschließender Verdrängung wird gesprochen, wenn nach einem MieterInnenwechsel die Miete einer Wohneinheit ansteigt und dadurch nur noch der Zuzug eines Haushalts mit höherem Einkommen möglich ist. Unter Verdrängungsdruck versteht Marcuse die von den BewohnerInnen wahrgenommenen sozialen, baulichen, gewerblichen und infrastrukturellen Veränderungen des Wohnumfelds, die für sie zu einer Verminderung der Lebens- bzw. Wohnqualität führen. Das Schließen einer alteingesessenen Kneipe, die Renovierung von Häuserfassaden, die Umgestaltung öffentlicher Räume oder der Fortzug befreundeter NachbarInnen sind typische Phänomene, die in qualitativen Studien zum Verdrängungsdruck beschrieben werden.

Auch in Deutschland haben sich zuletzt einige ForscherInnen intensiver mit den verschiedenen Aspekten aufwertungsbedingter Verdrängung beschäftigt. Zu nennen sind hier das Sammelband „Gentrifizierung in Berlin“ (Helbrecht 2016), welches eine Reihe von Beiträgen versammelt, die sich dem Phänomen aus unterschiedlichen methodischen Blickwinkeln annähern. Außerdem die für den deutschsprachigen Raum erste quantitative Studie zu direkter Verdrängung von Fabian Beran und Henning Nuissl „Verdrängung auf angespannten Wohnungsmärkten“ (Wüstenrot 2019), die über eine Fortgezogenenbefragung erstmals das quantitative Ausmaß der Verdrängung in zwei Berliner Bezirken bestimmen können. Einen Vorschlag zur Operationalisierung und Messung von Verdrängungsdruck unterbreiten Tim Lukas und ich im Aufsatz „Keine Angst, es ist nur Gentrification?“ (Üblacker/Lukas 2019).

 

Literatur

Cole, I. (2013). Whose place? Whose history? Contrasting narratives and experiences of neighbourhood change and housing renewal. Housing, Theory and Society, 30(1), pp. 65–83.

Freeman, L., & Braconi, F. (2004). Gentrification and displacement – New York City in the 1990s. Journal of the American Planning Association, 70(1), pp. 39–52.

Helbrecht, I. (Ed.). (2016). Gentrifizierung in Berlin: Verdrängungsprozesse und Bleibestrategien. Bielefeld: Transcript.

Marcuse, P. (1985). Gentrification, Abandonment, and Displacement: Connections, Causes, and Policy Responses in New York City. Journal of Urban and Contemporary Law, 28, p. 47.

Shaw, K. S., & Hagemans, I. W. (2015). ‘Gentrification Without Displacement’’ and the Consequent Loss of Place: The Effects of Class Transition on Low-income Residents of Secure Housing in Gentrifying Areas.’ International Journal of Urban and Regional Research, 39(2), pp. 323–341.

Slater, T. (2006). The eviction of critical perspectives from gentrification research. International Journal of Urban and Regional Research, 30(4), pp. 737–757.

Slater, T. (2009). Missing Marcuse: On gentrification and displacement. City, 13(2–3), pp. 292–311.

Üblacker, J., & Lukas, T. (2019). Keine Angst, es ist nur Gentrification?: Soziale und ökonomische Ängste, Kriminalitätsfurcht und Verdrängungsdruck im Düsseldorfer Bahnhofsviertel. sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, 7(1/2), pp. 93–114.

Valli, C. (2015). A Sense of Displacement: Long-time Residents’ Feelings of Displacement in Gentrifying Bushwick, New York: A SENSE OF DISPLACEMENT. International Journal of Urban and Regional Research, 39(6), pp. 1191–1208.

Wüstenrot Stiftung (Ed.). (2019). Verdrängung auf angespannten Wohnungsmärkten Das Beispiel Berlin.